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Der Fall Hegemann und die Freilassung der Ideen

Zum Fall Helene Hegemann ist schon viel gesagt und geschrieben worden. Das Beste was mir bislang unter die Augen gekommen ist, von Regula Freuler in der letzten NZZ am Sonntag, „Literatur mischt alles mit allem“, leider (noch) nicht online verfügbar.

Die allgemeine Hysterie, um die paar übertragenen Textstellen ist so lächerlich wie erhellend. Zeigt sie doch sehr schön, auf welchen Irrwegen wir uns im Bezug auf die Beurteilung der Produktion von kulturellen Artefakten bewegen. Dieselben Irrwege, die auch die Grundpfade für die gesellschaftliche Bewertung des Konstruktes des geistigen Eigentums bilden.

Wir glauben, dass es so etwas wie persönliche, eigene Ideen gibt, die dem gehören, der diese für sich behauptet.

Dieser Glaube ist vermutlich falsch. Jede Idee, jeder Gedanke steht auf einem anderen, bereits da gewesenen.

Ideen entstehen erst durch die Interaktion mit der Umwelt. Stellen wir uns im Gedankenspiel ein menschliches Gehirn vor, welches künstlich ernährt, ohne Sinnesorgane in einem dunklen Raum aufwächst und dort irgendwann, nach einem nicht gerade erfüllten leben, stirbt. Damit wir wissen, was in diesem Gehirn vor sich geht, stellen wir uns ein Display vor, dass die Ideen, die das Gehirn produziert anzeigt. Was würden wir wohl auf diesem Display sehen? Nichts, behaupte ich, ohne Kühnheit.

Das bedeutet nicht, dass jedes Individuum nicht auch seinen Beitrag zu einer ausgedrückten Idee leistet, sei dies ein Text, ein Bild, oder welche Art von kultureller Äusserung auch immer. Aber das Eigentum für diese Idee für sich beanspruchen zu wollen ist grundlegend falsch, um nicht zu sagen verwerflich.

Es ist falsch, weil die Idee nicht alleine aus sich selbst entstanden ist, und es ist falsch, weil sie gar nicht hätte entstehen können, wenn vorher alle anderen ein solches Dogma konsequent umgesetzt hätten. Wenn jeder das Eigentum auf seine Ideen geltend macht, und diese nicht verwendet werden dürfen, dann gibt es keine weiteren Ideen mehr.

Nun, einfach kopieren beinhaltet nicht die geringste Eigenleistung, könnte man hier einwerfen. Da Stimme ich sogar zu. Aber kopieren schadet auch niemandem. Und die Weitergabe und Weiterentwicklung von kulturellen Motiven, oder Meme oder wie immer sie nennen wollen basiert letztendlich darauf, dass sie kopiert werden müssen um weitergegeben werden zu können. Sie werden kopiert und dabei verändert, manchmal mehr, manchmal weniger. Originalität gibt es so, wie es uns das Wort vorgaukelt, eben nicht.

Jedes neue Werk beinhaltet Elemente von anderen Werken, manchmal sind es offensichtliche Zitate, manchmal eher versteckte, und oft einfach nicht mehr zurückverfolgbare Inspirationen.

Helene Hegemann hat ja auch keinen Roman kopiert oder abgeschrieben. Sie hat ein neues Werk geschaffen, punkt. Und dieses Werk wird wieder für andere Werke Inspiration sein, und irgendwann werden die „Vaselintitten“ wieder verschwunden sein, oder vielleicht in hundert Jahren bei ein paar wenigen etymologischen Feinschmeckern die Diskussionsrunde bereichern.

Es gibt Kunstgattungen, bei welchen die gegenseitige Inspiration in Echtzeit stattfindet, zum Beispiel bei Improvisationen in Musik oder Theater. In anderen Bereichen ist der Prozess langatmiger, gehen die Meme verschlungenere Pfade, doch das Prinzip bleibt dasselbe.

Natürlich kann man sich wünschen, dass die Inspirationsquelle genannt wird, aber wichtig ist dies für die Gesellschaft nicht. Kommt dazu, dass diese Quelle in den meisten Fällen auch gar nicht bekannt ist.

Ich weiss zum Beispiel beim besten Willen nicht mehr, wo ich welchen Input für diesen Text erhalten habe. Wann, welcher Gedanke durch welchen anderen angestossen wurde. Es waren wohl Bücher, Webtexte, Gespräche, Zeitungsartikel? Es ist auch nicht wichtig.

Wichtig ist einzig, dass ein weiteres kulturelles Artefakt in der freien Wildbahn ist, und sich seinen Weg in die Gehirne der Menschen bahnen kann oder auch nicht, und dann irgendwann in den Tiefen des Datennetzes verstummt.

Wenn wir eine Gesellschaft wollen, die sich durch den kulturellen Austausch entwickelt, die geradezu durchtränkt ist von Ideen, welche sich auf verschiedenste Weisen manifestieren, sei dies in Texten, in Songs, in Bildern, in Filmen, usw. dann sollten wir diese Ideen, die wir durch das unsägliche Konstrukt des geistigen Eigentums domestiziert haben, wieder in die freie Wildbahn lassen.

In diesem Sinne hoffe ich, dass der Fall Hegemann dereinst als Ausdruck einer Zeit der Freilassung der Ideen gelten wird, und sich dieses Plagiatsgeschrei als letztes Aufbäumen eines vom austerbenden bedrohten Memes erweist.

Free the memes, and there may be a better world!

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13 Responses to Der Fall Hegemann und die Freilassung der Ideen

  1. nggalai 16. Februar 2010 at 18:13 #

    Grundstzlich sehe ich es recht hnlich wie Du. Mein Hauptproblem mit der Situation war auch nicht das Kopieren per se, sondern die Doppelzngigkeit des Verlags einerseits in einer Pressemeldung so was sagen wie ist halt bei den jungen Leuten so, im Netz wird eben remixed und cut-up etc., das kann man der Frau nicht zum Vorwurf machen, andererseits bei der EU im Rahmen der Hamburger Erklrung nach hrterer Urheberrecht-Gesetzgebung gegens Internet schreien.

    Also: Vom Internet in ein (verlegtes) Buch kopieren: Gut. Von einem (verlegten) Buch ins Netz kopieren: Bse.

    Allerdings, und da muss ich Dir widersprechen, ist ein Plagiat nicht eine Reinterpretation, ein Mix, eine Neuformulierung einer bestehenden Idee. Es geht dabei ums mit fremden Federn schmcken. Im Fall hier: Struktur, Duktus und komplette Passagen eines Autors, der halt nicht das Glck hatte, einen Dramaturgie-Prof als Vater zu haben und nur bei einem Kleinstverlag verlegt wurde. Besagte Autorin bediente sich bei ihm, und die Feuilletons machen daraus der Fnger im Roggen der Nullerjahre und setzen sie auf die Short-List fr den Preis der Leibziger Buchmesse.

    Hier geht es nicht um offenes, ehrliches Remixen. Hier geht es darum, eine 17jhrige zum literarischen Superstar zu pushen. Wegen Geld, natrlich, nicht gerade wenig Geld, wenn man sich die Bestsellerlisten ansieht

  2. Mmmatze 16. Februar 2010 at 22:47 #

    Also, ich muss dir da doch arg und vehement widersprechen, Andreas. Und es klingt fr mich ein wenig so, als httest du den Originalpost, der das Ganze ins Rollen gebracht hat, nicht gelesen. Ich meine den hier. Da wird gut offensichtlich, wie arg hier abgekupfert wurde, und dass es sich eben nicht um ein reines bernehmen von Ideen handelt.

    Gerade die sprachgewaltigsten Wortschpfungen, die das Lesen von "Axolotl Roadkill" wohl so spektakulr machen wrden, stammen eben nicht von ihr, sondern von besagtem Airen. Und wie in der Gefhlskonserve auch gut beschrieben wird, ist das traurige daran, dass Airen eben nur das Pech hatte, dass er/sie (?) bei einem kleinen (und brigens usserst sympathischen) Verlage verffentlicht hatte und sie eben das Backing eines grossen Verlagshauses hat.

    Und jetzt bekomme ich persnlich ein Problem: Auf der einen Seite sehe ich mich durchaus als Freund einer offenen Gesellschaft, der ein Stck weit auch durch eine freie Kultur gerade im Internet erzogen worden ist. Ich halte das Freigeben von Content (z.B. per CC-Lizenzierung) fr zeitgemss. Gleichzeitig verlange ich als Medienschaffender aber auch einen Respekt vor geistigem Eigentum (und hier soll bitte niemand den Fehler machen und das als konservative Geisteshaltung auslegen, es gibt kaum etwas, was so Punkrock ist wie Respekt vor dem Individuum und seinen Fhigkeiten zu zeigen).

    Und zwar aus mehreren Grnden: Weil eine freie Gesellschaft nur funktioniert, wenn sie ein Geben sowohl als auch ein Nehmen ermglicht. Hegemann hat in dem Fall nur genommen, und nicht gegeben. Sie hat sozusagen keinen Respekt gezeigt vor dem Schaffen von Airen, dadurch, dass sie es z.T. unverndert und ohne Quellenangabe bernommen hat. Sie hat ja scheinbar mittlerweile selbst (indirekt) zugegeben, dass sie da ein wenig naiv war.

    Zum Anderen, und das muss hier nicht unbedingt zutreffen, aber es sei der Vollstndigkeit halber auch angefhrt, muss auch ein Respekt vor dem Schaffenden herrschen, der seine geschaffenen Inhalte eben proprietr behandelt. Ob man jetzt meint, dass das zeitgemss ist oder nicht. Ich kenne z.B. Fotografen, die von ihrem Handwerk leben. Die sind natrlich darauf angewiesen, dass ihre Werke nicht ohne Einverstndnis bzw. ohne Bezahlung verwendet werden.

    Am Ende hat sich meiner Meinung nach allerdings Hegemann selbst in den Fuss geschossen. Der Meinung zu sein, dass ihr Handeln unentdeckt und unkritisiert bleiben wrde, ist wirklich recht naiv. Ob es der Jugend geschuldet ist oder nicht es wird sicher gengend Menschen geben, die sie als Schriftstellerin nicht mehr Ernst nehmen knnen hchstens als Mashup-Knstlerin. Und bei jeder anderen Verffentlichung von ihr werden Kritiker fragen: Hat sie es diesmal wirklich selbst geschrieben? Man muss sich wohl nicht weit aus dem Fenster lehnen um festzustellen, dass Hegemann ein One-Hit-Wonder bleiben wird.

  3. bugsierer 17. Februar 2010 at 8:39 #

    ich habe mich nicht gross mit dem fall befasst, sehe darin aber einen anderen aspekt, der mich noch fast interessanter dnkt und der wie eine seuche umgeht: die masslose selbstverliebtheit, der krankhafte narzissmus.

    ob sich die girls fr den boulevard ausziehen, ob die boys zu zehntausenden bei bohlen den superstar geben oder ob sich diese 17jhrige einen roman zusammenklaut sie sind alle getrieben von einer selbstverliebten profilneurose, die man nicht mehr als normal bezeichnen kann.

    das problem ist, dass dieser grassierende narzissmus die selbstwahrnehmung extrem verzerrt und dass er durch die mediale grossoffensive zu einer gesellschaftlichen akzeptanz fhrt, der die werte einer aufgeklrten gesellschaft bedenklich auf den kopf stellt.

    einen mittelprchtigen artikel dazu gabs krzlich beim tagi:
    http://bit.ly/cfp1ay

    @andreas: deine ausfhrungen tnen spannend. vielleicht wird in 50 jahren einiges davon verwirklicht sein. klar muss man das urheberrecht berarbeiten (und klar wird es der technischen entwicklung immer hinterherhinken, das ist aber auch nichts neues), aber gleich streichen? ich kann mir schlicht nicht vorstellen, wie das gehen soll.

    und ich verstehe auch nicht, warum man die streichung des urheberrechts ausgerechnet in der kunst anmahnt. und die wirtschaft? patente? marken? landbesitz?

  4. Hartmut 17. Februar 2010 at 15:52 #

    Oh – den ersten Teil des Textes hast du wohl selber "gehegemannt", was? 🙂
    http://hegemann.npage.de/willkommen_98284251.html

  5. Andreas Von Gunten 17. Februar 2010 at 19:18 #

    Danke @nggalai, @Mmmatze und @busgsierer fr Eure interessanten Kommentare, auf welche ich gerne noch etwas nher eingehen mchte.

    Aus meiner Sicht braucht es eben eine radikale Abkehr vom Konstrukt des geistigen Eigentums.

    Wie ich in meinem Blogbeitrag zu darlegen versucht habe, macht es keinen Sinn, eine einzelne Person als Urheber einer Idee zu bezeichnen. Ich sehe jede manifestierte Idee, jedes kulturelle Artefakt einfach als eine, um weitere Aspekte ergnzte neue Version einer Idee, die dann wiederum allen zur nchsten Bearbeitung und Nutzung zur Verfgung stehen soll. Wer der Urheber der letzten Version ist, ist eigentlich irrelevant. Und @bugsierer, das gilt natrlich auch fr Patente und dergleichen, nicht nur fr kulturelle Erzeugnisse. Natrlich mchte ich neben dem Urheberrecht auch das Patentrecht abgeschafft sehen. Ich gehe allerdings auch eher davon aus, dass ich das nicht mehr erleben werde.

    Wenn wir uns als Gesellschaft nicht mehr um die Urheberschaft, sondern nur um die Wirkung einer Idee kmmern, gibt es auch kein "Schmcken mit fremden Federn" mehr. Was Kopie und was Original ist, ist dann irrelevant. Einzig wichtig ist, ob eine Idee fr jemanden, in einem bestimmten Kontext zugnglich und ntzlich ist. Natrlich werden damit alle Geschftsmodelle die auf der Idee des geistigen Eigentums basieren hinfllig. Das heisst aber nicht, dass nicht neue konomische Modelle entstehen wrden, die eine Monetarisierung der nutzenstiftenden Aspekte geistiger Produktion ermglichen.

    Die Doppelzngigkeit der Branche in dieser Sache ist auf jeden Fall stossend, da hast Du absolut recht @nggalai. Solange wir die Branche allerdings durch die Aufrecherhaltung der Urheberrechte schtzen, werden deren Protagonisten immer am lngeren Hebel sein.

    Ein weiterer interessanter Aspekt ist der des Geld verdienens, den @Mmmatze und @nggalai aufbringen. Hat Airen einen Schaden, weil Hegemann und Entourage mit Elementen seines Werkes Geld verdienen? Ich wrde sagen nein. Er hat kein einziges Buch weniger verkauft, weil Hegemann sich seiner Ideen bedient hat. Es geht offenbar nicht darum, dass er weniger bekommt, sondern dass jemand anders etwas bekommt.

    Das Argument in diesem Fall ist nach dem Muster: wenn X mit einem Werk kein Geld verdient, dann soll das auch kein anderer drfen. Die Attraktivitt dieser Sichtweise liegt einerseits in der Vorstellung, dass ein Werk einen inneren Wert habe, und andererseits, das Geld verdienen etwas mit Arbeitsleistung zu tun haben soll. Beides ist aber nicht der Fall.

    Arbeit die verrichtet wird, hat nicht grundstzlich einen Wert. Wenn ich einen Tag lang faule pfel einsammle, hat das noch keinen Wert geschaffen. Erst wenn ich jemanden finde, der mir diese Abnimmt, weil er damit vielleicht Schnapps brennen wird, kann ich mich mit ihm ber unsere Wertvorstellungen zu einigen versuchen.

    Ein Roman der nicht gelesen wird hat keinen Wert im monetren Sinn. Ich sage damit nicht, dass er grundstzlich Wertlos wre. Aber der Geldwert entsteht eben erst, wenn dieser realisiert wird.

    In einer Welt ohne geistiges Eigentum knnte jeder mit jeder Idee arbeiten und diese zu monetarisieren versuchen. Es kann sie aber niemand mehr horten, wenn Sie mal freigesetzt ist.

    Der Akt des monetarisierens wird als unabhngiger Aspekt betrachtet, der dafr jedem offen steht. Der gesellschaftliche Innovationsprozess wrde massiv beschleunigt, und gleichzeitig die Akkumulationsmglichkeiten von Kapital durch die Verwertung dieser Ideen reduziert. Eine bessere Verteilung der Gewinne und eine unglaubliche Vielfalt wren die Ergebnisse. Ist das wnschenswert? Aus meiner momentanen Sicht ja, aber ich gebe zu, dies ist noch lange nicht zu Ende gedacht.

    @bugsierer, ber den Narzissmusaspekt muss ich auch noch ein bisschen nachdenken, gibt dann mal einen separaten Blogpost 🙂

    @Hartmut very nice and well done 🙂 danke fr den Link! habe Deinen Kommentar erst jetzt gesehen, nachdem ich diese Antwort hier im Zug geschrieben habe. Und ich wnsche Dir viele Visits und AdSense Einnahmen damit 🙂

  6. Mmmatze 17. Februar 2010 at 20:20 #

    Andreas, ich denke, dass wir eigentlich gar nicht so weit voneinander entfernt liegen, was unsere Einstellungen zu Copyright und geistigem Eigentum angeht. Allerdings sehe ich deine Ansichten als (und das sagst du hnlich ja selbst) weitgehend utopistisch an im positiven Sinne. Wir werden eine Welt in der niemand mehr proprietr denkt nicht mehr erleben.

    In vielerlei Hinsicht ist so etwas ja sogar explizit wnschenswert. Wenn ich sehe, wie Patentrechte z.B. gnstige, lebensrettende oder -verlngernde Medikamente in Afrika verhindern, wird mir schlecht. Vielerlei Innovation knnte ohne oder mit lockereren Eigentumsrechten schneller von statten gehen. In Sachen Musik und Film kommt es in Form von Mashups ja durchaus auch zu interessanten Ergebnissen. Ob sich eine Abschaffung des geistigen Eigentums als Prinzip auf jeden Lebensbereich anwenden lsst, da bin ich etwas skeptischer als du.

    Dennoch gibt es ein Problem, dass du (bewusst oder unbewusst) ausblendest, und das ist das des menschlichen Empfindens fr Gerechtigkeit. Bei HR2 Der Tag gab es mal eine sehr interessante Sendung dazu (finde ich leider auf die Schnelle nicht). Vom Gerechtigkeitsempfinden knnen wir uns wahrscheinlich nicht losmachen. Und ich empfinde es, und das ist jetzt eine rein emotionale Einschtzung des Falls, verdammtnochmal ungerecht, was die Hegemann macht. Ich bewundere dich, wenn du die Sache so technokratisch sehen kannst, mir gelingt es nicht. Natrlich hat Airen auch einen gewissen Nutzen aus der Geschichte, aber man fragt sich dann doch, warum er/sie nicht von Anfang an diese Aufmerksamkeit bekommen hat.

    Zurck zur Diskussion um geistiges Eigentum. Zweierlei Entwicklungslinien kann ich mir vorstellen, wenn man geistes Eigentum komplett Abschaffen wrde: Zum Einen, dass viele, die konservativ (ergo proprietr) Denken, sich vom Schaffen von Inhalten zurckziehen, d.h. Talent geht verloren durch eine zwanghafte Kommunisierung (sagt man das so?) von Inhalten. Zum Anderen sehe ich ein Problem, wo es z.b. um sensiblen Daten oder Informationen geht. Im Journalismus zum Beispiel knnte ich mir gut vorstellen, dass Lieferanten von brisanten Informationen sich strker zurckhalten, wenn ihnen der Journalist nicht zusichern kann, was mit ihren Informationen geschieht (was er ja nicht knnte, wenn mit seinen Inhalten jeder machen knnte, was er/sie wollte).

    Nur so ein paar unsortierte Ramblings. Wre sicher mal ein interessantes Thema fr eine philosophische Bierrunde.

  7. nggalai 18. Februar 2010 at 7:06 #

    Moin Andreas,

    ich mchte auf zwei Punkte Deiner Antwort eingehen.

    1) Geld ahoi: Mir ging es bei meiner Aussage nicht darum, ob die, hmm, Quell-Autoren einen finanziellen Verlust machten. Mir geht es um das Produkt Hegemann. Denn genau das ist diese 17jhrige: Ein vom Verlag, vom Vater und von Bekannten wie Schlingensief gepushtes Produkt. Hegemann spricht in ihrer Antwort von Authentizitt, von Echtheit erscheint aber zynisch betrachtet nicht anders als eine Retorten-Boygroup in den 90ern.

    Der Berliner Blogger, von dem offenbar abgeschrieben wurde, tut genau das Richtige: Er bleibt im Hintergrund. Wrde er jetzt polternd durch die Bloggosphere und die Fernsehstudios ziehen, htte er seine fnfzehn Minuten Berhmtheit das wrs. Aber er holt sich lieber vom Produkteerzeuger (dem Verlag) Geld fr die Rechte und kann mit seinen nchsten Bchern damit auftrumpfen, dass sein Agent bei Verlagsverhandlungen sffisant sagen kann: Nun ja, ich vertrete den eigentlichen Schreiberling hinter Roadkill Kluger Mann.

    Mir geht und ging es nie darum, dass jemand Anderes nicht z. B. mit meinen Sachen Geld verdienen darf. Nicht umsonst stehen meine Artikel alle unter einer CC-A-Lizenz. 😉 Geschadet hat es mir nicht, eher im Gegenteil: Durchs Attribution macht mein Name die Runde. Gratis-Werbung fr meine Dienstleistungen als Textredakteur und Marketingblubberer. Damit dieser Ansatz funktioniert sind Neulinge jedoch auf die Namensnennung angewiesen. Womit wir bei Punkt zwei wren:

    2) Urheber: Die totale Freiheit, Texte, Bilder, Studien, Statistiken, Schlussfolgerungen etc. ohne reproduzierbare Urheberschaft verwerten zu drfen wre ein Schuss ins Knie fr die gesamte Forschung. Schon jetzt ist es so, dass z. B. Homopathie-Hersteller Studien erfinden respektive fehlinterpretieren, ohne ihre Quellen schlssig anzugeben. Zitate werden verflscht. Ergebnis: Das Netz ist voll von Aber es ist belegt, dass und Konsorten. Mash-Up kann im wissenschaftlichen Umfeld nicht funktionieren. Was, wenn ein Pharma-Riese einen Absatz einer Studie komplett aus dem Kontext reit, falsch wiedergibt und nicht mal die Quelle der Idee nennen muss? Wie sollen so Forschungsberichte und Artikel reproduzierbar, verifizierbar und besonders wichtig falsifizierbar bleiben?

    Der Primus der Meinungsbildung ist schon heute die Lautstrke: Je mehr etwas in den Medien wiederholt wird, und seien es die grten Lgen, desto einfacher lsst sich Meinung machen. Wer Marktmacht hat, Geld und / oder eine Lobby im Rcken, kann schon heute stark auf die ffentliche Meinung Einfluss nehmen.

    Jetzt stell Dir das bei der, hmm, Wahrheitsfindung vor.

    Wir leben in einer zu komplexen Welt, als dass sich jeder interessierte Mensch alles selbst erarbeiten knnte. Goethe war noch ein Universalgenie, bewandert in allen relevanten Gebieten seiner Zeit. Heute ist es selbst fr hochintelligente Informationsmonster unmglich, alles zu prfen, nachzuvollziehen und zu verstehen. In der Medizin z. B. nimmt die Spezialisierung immer krassere Zge an; ein Neuro-Chirurg mag Neurologie studiert haben und auch ein paar Semester Pharmakologie besucht haben. Aber er hat ganz einfach weder Zeit noch Energie, auf dem aktuellen Stand der Epilepsie- oder Alzheimerforschung zu sein. Er hat schon genug damit zu tun, die aktuellsten Anstze in der invasiven Therapie zu verfolgen. Und spricht man ihn dann auf aktuelle Neuroleptika an, nun ja, da war doch mal was vor 20 Jahren?

    Ohne belegte, nachvollziehbare und auch widerlegbare Quellen ist der technische, medizinische, naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Fortschritt gefhrdet. Nein, nicht nur der Fortschritt. Selbst der Status-Quo, wie die immer wiederkehrende Verarsche Werbeaktivitt z. B. nur schon im Bereich der Mauer-Trockenlegung durch Wunderkstchen zeigt.

    Willst Du echt, dass die lauteste Idee (das strkste Mem) berlebt, nicht das faktisch korrektere? Das Mem mit den grten finanziellen Interessen in der verwertenden Industrie? Mit dem dicksten Bankkonto in Liechtenstein?

    Klar etwaige Eigentumsrechte an einer Idee mssen kritisch betrachtet werden. Krzere Patent-Zeitrume mssen diskutiert werden, genau so die bis-70-Jahre-nach-Tod-des-Urhebers-Sache. Den Urheber jedoch als Reiterator einer alten Grundidee zu betrachten und entsprechend nicht zu wrdigen hat damit aber wenig zu tun.

  8. Andreas Von Gunten 18. Februar 2010 at 16:48 #

    melde mich morgen nochmal zu diesem thema 🙂

  9. Mmmatze 18. Februar 2010 at 21:12 #

    Ich hab darber gestern auch noch lnger mit meiner Freundin (Soziologin) gesprochen. Im Bereich der (geisteswissenschaftlichen) Forschung sehe ich da in der Tat auch erhebliche Probleme …

  10. Andreas Von Gunten 22. Februar 2010 at 16:54 #

    Zu wissenschaftlichen Arbeiten:

    Ich sage ja nicht, dass nicht zitiert werden darf.

    Wenn es darum geht, Aussagen zu untermauern, wrden wohl auch in einer Welt ohne Schutzrechte fr das geistige Eigentum, andere Arbeit unter Angabe von Quellen zitiert werden. Alleine schon um die Glaubwrdigkeit zu erhhen.

    Ich bin eher der Meinung, dass eine komplette Abschaffung der Urheberrechte die wissenschaftliche Arbeit beflgeln wrde. Es geht nicht darum, dass lauteste Mem berlebt, sondern das bestangepasste, was soviel heisst, wie das was kontextabhngig am meisten Nutzen stiftet.

    Der derzeitige Publikationsprozess von wisschenschaftlichen Arbeiten ist doch absurd. Die mit ffentlichen Geldern finanzierten Forschungsergebnisse an den akademischen Institutionen werden ja nicht der ffentlichkeit zur Verfgung gestellt, sondern in Zeitschriften publiziert, die wiederum mit fr viel ffentlichem Geld von denselben akademischen Institutionen abonniert werden mssen.

    Natrlich msste man, um diesen Misstand zu beseitigen nicht gleich die Urheberrechte abschaffen. Das Problem wre dann wenigstens auch gleich gelst 🙂

    Es stellt sich natrlich zu Recht die Frage, ob Menschen noch Ideen entwickeln und realisieren wrden, wenn diese nicht mehr geschtzt werden knnen.

    Wahrscheinlich kann niemand mit 100% Sicherheit sagen, was passieren wrde, wenn wir das System des geistigen Eigentums abschaffen wrden. Es gibt aber viele Anhaltspunkte die dafr sprechen, dass die geistige Produktion nicht abnehmen sondern zunehmen wrde.

    Erstens wrden weiterhin Systeme zur Monetarisierung der Ergebnisse geistiger Produktion entstehen und funktionieren knnen und zweitens gibt es neben den monetren auch noch viele andere Grnde, warum Menschen kreativ sind.

    Zur Wrdigung des Urhebers:

    Der Urheber kann auch in einer Welt ohne geistiges Eigentum gewrdigt werden. Er hat einzig kein Alleinbesitzrecht an seiner Produktion, weil diese Ideenproduktion als interpersoneller Prozess zu verstehen ist, an dessen temporrem Ende der Urheber steht.

    Zur allgemeinen Ablehnung solcher Modelle
    Ich bin ja nicht der einzige, der die Idee des kollektiven "Besistzes" geistiger Produktion mindestens beachtenswert findet. Die allgemein eher ablehnende Reaktion liegt meines Erachtens darin, dass wir uns zu sehr auf mglichen Missbrauch als auf mglichen Nutzen konzentrieren.

    Idealerweise wrde man solche grundlegenden Anpassungen an ein soziales System mal ausprobieren knnen. Das ist ja offensichtlich nicht so einfach zu bewerkstelligen, darum wird es weiterhin sinnvoll sein, die Argumente auf andere Art und Weise zu prfen und zu hinterfragen.

    Ich habe auf jeden Fall hier von Euch einige interessante Inputs erhalten, ber die ich noch weiter nachdenken werde. Vielen Dank dafr! Und zu lesen gibt es zum Thema ja auch noch einiges. Wir bleiben dran…

  11. bugsierer 24. Februar 2010 at 8:47 #

    ich habe auch viel gelernt in diesem thread. vielen dank.

    ich mchte noch auf ein hrneswertes tagesgesprch bei drs1 mit dem plagiatsforscher philip theisson hinweisen:
    http://bit.ly/9J8YhH

  12. Thinkabout 2. März 2010 at 21:14 #

    Wenn es denn berhaupt kein Problem ist, fremde Texte in ein "eigenes" Erzeugnis zu integrieren – warum nennt man dann die Quelle nicht einfach?
    Monetarisierung von Ergebnissen – wenn ich das nur schon hre. ich stelle mir vor, es gibt kein Eigentumsrecht, und ich habe einen Text beim Verlag abgegeben.
    Er entwickelt daraus ein Projekt zur Verffentlichung und Vermarktung – und ich bin damit nicht einverstanden. Wie will ich da als Urheber der Variante der Idee, welche mein Text behandelt, bestehen knnen? Wie will ich von meinem Schreiben leben?
    Soll ich mich tatschlich um die Vermarktung, also die Monetarisierung meiner Ideenvariante kmmern mssen, weil nur das Gesetz gilt, der Schnellere ist der nachher Reichere? Muss ich Marketing beherrschen, damit der Leser berhaupt zu lesen bekommt, was mir eingefallen ist.
    Wir reden hier auch davon, wie die Welt gedacht wird, wenn sich niemand mehr den Luxus leisten kann, nichts anderes zu tun, als zu denken. Fr und ber die Welt.
    Mich hat die ganze Debatte im Netz sehr mutlos gemacht. In einer Branche zuhause, die extrem unter dem asiatischen Einfluss der Billigstproduktion und der Kopierfreiheit leidet, allem berdrssig, was Einkommen nur durch die geschicktere Anpreisung generiert, sehe ich mich einer fehlenden Sensibklitt fr den Wert der Variante, die auch schon eine Eigenstndigkeit ist, eine Einladung zur Rckkopplung, zur Debatte, ausgesetzt.
    Wer HH liest und vor allem die Airen-Passagen gut findet, der muss doch eine Chance haben, bei Airen mehr zu lesen. Beim Original. Ohne die Entdeckung durch einen anderen Blogger wre es nie dazu gekommen.
    Wenn Philosophie auch stets die Debatte ist zwischen schon Gedachtem und neuer Interpretation, dann kann ich doch ganz anders mitdenken, wenn ich vom Ursprung dessen weiss, was mir der neue Denker an Argumenten liefert.
    Und Dein Text hier taugt als Beispiel nicht: natrlich basiert er auf Wissen, das Du "zusammen gelesen" hast. Aber Du schreibst nicht bei einem Blog Deiner Kollegen einen Absatz ab und stellst ihn in Dein Posting. Oder?
    DAS wrdest Du nicht tun. So "link" bist Du nicht. Du bist berhaupt nicht link. Und bei DIESEM Prinzip solltenn wir doch bei aller Lust an der Debatte bleiben.

  13. Ralf Wasselowski 23. März 2010 at 14:47 #

    Ich finde, es sollte weniger um die Autorin und mehr um das Buch gehen. Es gibt das alte Prinzip der Collage, bei der der Knstler Bestehendes nimmt und etwas Neues daraus macht? Hat Helene Hegemann das geschafft? Oder nicht. Darum sollte es gehen. Plumpes Klauen wrde kein gutes Buch ergeben. Intelligentes Klauen schon.

    Wobei ich die Stellungnahmen zum Nazismus richtig finde, sicher spielen Selbstverliebtheit und Egozentrik eine Rolle, wenn man die Rechte anderer nicht beachtet.

    Die Diskussion um das Urheberrecht tangiert ja die konomische Organisation unseres Gesellschaftssystems. Das Urheberrecht allgemein hat heute ja aber auch eine weltweite Bedeutung, man denke nur an die Markenpiraterie. Da stehen die Gesellschaften sozusagen im internationalen Wettstreit. Es hat sich gezeigt, dass die freie Handhabung geistigen Eigentums natrlich eine viel kreativere Dynamik hat. Open Source ist doch ein gutes Beispiel dafr. Was wren wir ohne WordPress z.B.?

    Ich wrde das aber getrennt sehen: Bei Helene Hegemann geht es um eine alte alle Sparten durchdringende Kulturtechnik, das Adaptieren, Klauen, Collagieren – nur das Ergebnis zhlt. Wie findet ihr denn das Buch als Ergebnis?

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