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Moneten für Musik: Muss die Musik im Netz hinter eine Paywall?

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Gestern Nachmittag fand in einem der äusserst attraktiven Räume der neuen ZHdK auf dem ‚Toni-Areal‘ ein Event mit dem vielversprechenden Titel «Moneten für Musik – Wer verdient in der Musikbranche: Neue Vertriebssysteme und Geschäftsmodelle» statt. Zum Einstieg plauderten Christoph Trummer und Steff La Cheffe aus dem Nähkästchen und erzählten sehr offen und ehrlich wie sich die finanzielle Situation für sie als Profi- bzw. Halbprofi-Künstler darstellt. Da die beiden ihre Slides nicht öffentlich gemacht haben, was ich auch respektiere und nicht kritisieren will, möchte ich hier auch keine konkreten Zahlen publizieren. Einfach soviel, es sieht natürlich nicht rosig aus, so wie es auch in den 1970ern, in den 1980ern und wahrscheinlich in allen folgenden Jahrzehnten für die meisten Musikschaffenden im Pop-Bereich in der Schweiz nicht rosig aussah.

Romand Camenzind, erfolgreicher Hitproduzent in der Schweiz, machte auf dem Podium am Schluss der Veranstaltung vor allem die kostenlosen Angebote dafür verantwortlich. Seine Hauptaussage war, dass die meisten Schweizer Musikschaffenden zu wenig verdienen, hänge damit zusammen, dass im Internet kostenlos Musik gehört werden kann. Darum müssen die werbefinanzierten Angebote vie YouTube oder Spotify Free verschwinden bzw. es sollten nur noch Streaming-Dienste existieren, für die ein monatliches Abo bezahlt werden muss.

Bevor wir der Richtigkeit dieser Behauptung und den möglichen Konsequenzen für die Musikkultur in der Schweiz, wenn dieser Wunsch Realität würde, auf den Grund gehen, möchte ich noch folgendes Vorausschicken. Ich bin Apple Music Abonnent der ersten Stunde, kaufe aber nach wie vor viele Songs und Alben, wenn sie mir besonders gut gefallen als File, oder bei Konzerten auch auf Tonträger. Auch darum, weil ich nicht ohne Musik dastehen möchte, wenn ich das Abo von Apple Musik einmal nicht mehr erneuern will. Ich bin zwar auf YouTube meistens auf der Suche nach Archivperlen aller Art, aber ich stolpere oft auch über neue Musik und habe schon viele Künstler, deren Werke ich anschliessend gekauft habe, auf diese Weise für mich entdeckt. Man mag nun sagen, ich sei eine Ausnahme und nicht repräsentativ. Das kann sein. Ich will hier einfach klarstellen, dass ich der letzte bin, der einer Künstlerin oder einem Künstler das Einkommen vergönnen würde.

Aber, und jetzt kommen wir zu den Argumenten, es ist nun einmal so, dass der Markt der Aufmerksamkeit begrenzt ist und dass alleine in der Schweiz mittlerweile Heerscharen von Musikerinnen und Musikern unterwegs sind, die auf sehr hohem Niveau musikalische Werke schaffen und Interpretieren, und oft auch davon träumen von der Musik leben zu können. Der Grund dafür liegt vor allem bei zwei Treibern. Einerseits hat eine begrüssenswerte Demokratisierung der Produktionsmittel und Distributionsmöglichkeiten statt gefunden. Wir mussten in 1980er Jahren noch einen Kleinkredit von fast 10’000 CHF aufnehmen um ein Tascam Porta One 4-Spur Aufnahmegerät, einen Roland S-50 Sampler und eine Roland TR-707 Drum Machine zu kaufen.

Heute bekommt man für ein paar hundert Franken ein Vielfaches an Leistung im Form von Software. Wer einen Song geschrieben und aufgenommen hat, kann sofort raus damit, und diesen über unzählige Kanäle anderen verfügbar machen. Natürlich reichen sowohl das erste günstige Equipment, wie auch die einfache Möglichkeit der Internet-Distribution nicht aus, um als Profi erfolgreich zu sein. Aber diese Freizeit-Musik ist da und auch diese Musik schneidet ein Stück vom Aufmerksamkeits-Kuchen ab, den die Profi-Musiker gerne monetarisieren würden, weil sie oft auch von erstaunlich hoher Qualität ist.

Als zweiten Treiber müssen wir die professionellen Ausbildungsmöglichkeiten, die heute in der Schweiz verfügbar sind betrachten. Bereits als Kind wird man in die Künste der Pop-Musik eingeführt und lernt elektrische Gitarre oder Keyboards spielen, in einem Alter, in welchem früher die Blockflöte das höchste der Gefühle war. Weil man bis in die 1990er Jahre in der Schweiz entweder klassische Musik an einem Konservatorium oder Jazz an der Jazz Schule Luzern studierte, mussten ambitionierte Pop-Musiker ihre Ausbildung am Berklee College of Musik in Boston absolvieren, was natürlich nur vergleichsweise wenige wirklich in Angriff genommen haben. Heute gibt es an der ZHdK und an einigen weiteren Hochschulen in der Schweiz Studiengänge dafür. Alle diese Absolventen haben das Potential auf hohem Niveau Pop-Musik zu schreiben und zu spielen und im Netz anzubieten. Und alle, die das tun, und sei es nur in ihrer Freizeit, buhlen um die Gunst des Publikums. Ein wichtiger Aspekt des intensiven Wettbewerbs ist also durchaus auch hausgemacht.

Zur grossen inländischen Konkurrenz kommt natürlich noch dazu, dass durch die Digitalisierung Marktteilnehmer aus der ganzen Welt aufeinander treffen, was bedeutet, dass sich die Schweizer Musikschaffenden im Kampf um die Aufmerksamkeit auch gegenüber ausländischer Musik durchsetzen müssen. Das war natürlich auch früher so. Die Schweizer Hitparade war wohl kaum je zur Hauptsache von Schweizer Musik dominiert. Aber wenigstens können heute Künstler und Künstlerinnen aus der Schweiz dadurch auch selber ein globales Publikum ansprechen, was vor dem Internet-Zeitalter nur über grosse Labels möglich war.

Stellen wir uns nun vor, der Wunsch, dass keine kostenlos Angebote mehr gäbe, würde Realität und konzentrieren wir uns dabei auf die wichtigste Plattform für frei zugängliche Musik im Netz: YouTube. In den USA wurde vor kurzem der Dienst YouTube Red gestartet. Dieser bietet für 9.99 USD ein Werbefreies YouTube im Abo an und lässt die Videoanbieter an den Einnahmen partizipieren. Stellen wir uns weiter vor, die Musikschaffenden könnten entscheiden, dass ein Video nur im kostenpflichtigen Dienst verfügbar wäre. Und stellen wir uns, um des Argumentes willen, auch noch vor, dass alle Websites die nicht lizenzierte Inhalte anbieten von der Schweiz irgendwie ferngehalten werden können, was allerdings nur zu einem sehr hohen Preis eines zensurierten Internets wie in China oder im Iran, zu haben wäre. Würden Christoph Trummer oder Steff la Chef mehr verdienen?

Mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht. Denn ihr Problem des Wettbewerbs würde vollständig bestehen bleiben. Sie und viele andere würden sehr bald, ihre Videos auch wieder im kostenlosen Teil von YouTube oder auf anderen Plattformen anbieten, denn nur so können sie hoffen, dass ihre Songs im Netz die Runde machen, auf Blogs und in Social Media Kanälen verteilt und besprochen werden. Das offene Netz ist nach wie vor um ein Vielfaches grösser als die geschlossenen Plattformen und das wird mit grosser Wahrscheinlichkeit auch so bleiben, den nur hier kann man eben ohne Umwege und ohne einen Gatekeeper überzeugen zu müssen, direkt publizieren. Kommt dazu, dass es ja bereits heute so ist, dass nur wer schon eine sehr hohe Bekanntheit erreichen konnte, von den Streaming Angeboten einen Signifikanten Teil des Einkommens generieren kann. Selbst wenn wir also, was ohne gesetzlichen Zwang völlig unwahrscheinlich ist, tatsächlich alle Musik hinter verschlossenen Türen hätten, würden die Einnahmen für die meisten Schweizer Musikschaffenden verschwinden klein bleiben, solange sie nicht sonst schon erfolgreich sind. Ausser man würde die Abo-Gebühren derart erhöhen, dass es keine Kunden mehr gäbe. Denn Fakt ist, dass ein Jahresabo bei Spotify, Apple Music oder YouTube Red mehr kostet als was die Menschen durchschnittlich pro Jahr für gekaufte Musik ausgegeben haben.

Wir können es drehen und wenden wie wir wollen, das Mainstream-Musik-Business war und ist ein Winner-Takes-It-All-Business. Hier gilt ganz einfach, dass die Erfolgreichen absahnen und sich alle anderen auf dem Weg nach Oben mit den Brosamen zufrieden geben müssen. Den Meisten ist das dann mit der Zeit zu mühsam und sie lassen es bleiben.

Das bedeutet allerdings nicht, dass wir deswegen Angst haben müssen, dass die Schweizer Musikkultur zugrunde geht. Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt doch, dass gerade das Gegenteil der Fall ist. Es gibt immer mehr und immer bessere Musik aus und in der Schweiz. Einerseits von all denen, die auf den grossen Durchbruch hoffen und irgendwann auf der Strecke bleiben, aber auf diesem Weg viele gute Musik produzieren und aufführen und andererseits von den unzähligen Nischenplayern, die sich ihr Stammpublikum suchen und oft besser über die Runden kommen, weil sie sich entweder eine treue Fanbasis aufgebaut haben, oder weil sich sich noch anderer Einkommensquellen bedienen.

Für die Nische ist das Netz das Beste was passieren konnte. Wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung, doch Angebote wie Bandcamp und iGroove für den Direktverkauf, 100-days.net und wemakeit für das Crowdfunding, donxt und Patreon für die regelmässige finanzielle Unterstützung durch die Fans, und die vielen Ideen, die noch nicht das Licht der Welt erblickt haben, sind vor allem für die Nischenplayer ein Segen. Ein einschliessen der Musik hinter einer totalen Paywall funktioniert in diesen Bereich nicht, darum wird es das auch kaum geben, und das ist gut so. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass die interessanten und kreativen Ideen in der Regel von den Rändern kommen und äusserst selten aus dem bereits erfolgreichen Mainstream. Und für diesen Mainstream heisst das halt, lebt damit, dass ihr nun viel Konkurrenz bekommen habt und Euch darum nicht mehr solange auf den Lorbeeren ausruhen könnt, wie früher, aber macht nicht das Internet kaputt, denn es gibt für Euch immer noch genug zu verdienen.

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3 Responses to Moneten für Musik: Muss die Musik im Netz hinter eine Paywall?

  1. Phil 12. März 2016 at 16:11 #

    Lieber Herr Von Guten, ihr Musikkonsum ist keine Einzelheit, sondern wird als ‘Multi-Channelling’ bezeichnet (siehe BPI, 2016). Was bei Ihrer Argumentation grundsätzlich fehlt, ist das Free-Rider Problem (Youtube dient als Ersatz des Musikkonsums, Youtube-To-Mp3 Downloaders, in der Schweiz ist es legal, Musik herunterzuladen etc). Hauptsächlich zitieren Sie nur drei Punkte von Wikström’s The Music Industry: The Music in the Cloud – wie die Digitalisierung und dadurch Demokratisierung der Musikproduktion und -distribution, wie auch dessen Konsum. Des Weiteren, werfen Sie alle Konsumenten in den gleichen Topf. Die durchschnittliche Abogebühr mag zwar höher liegen, als was der Durchschnitt ausgegeben hat. Laut Untersuchungen, werden 75% des Umsatzes von 40% Musikfans erwirtschaftet, welche teilweise bis $700 pro Jahr für aufgenommene Musik ausgeben. Zum Ländervergleich: Wie kommt es dass Schweden’s Musikindustrie immer wieder international erfolgreiche Musik und Künstler herausbringt und die Schweiz nicht. Anscheinend scheint Schweden’s Regierung den Wert der Musik anders einzuschätzen oder wahrzunehmen als in der Schweiz und investiert nachhaltig in international erfolgreiche Musik. Vielleicht verändert dies auch die öffentliche Wahrnehmung und die Bereitschaft dafür zu bezahlen, wenn jeder jemanden aus seinem Umfeld hat, der von ‚Musik‘ lebt und seine Familie ernährt. Es sind ja nicht nur die Künstler, die davon leben müssen. Es gibt genügend akademische Studien welche belegen, dass wenn der freie Zugang zu Musik/Unterhaltung eingeschränkt wird, die Verkäufe 25-30% steigen können (z.B siehe Danaher et al, 2012; 2013).

    Was Sie ebenfalls völlig weglassen, ist, dass es durchschnittlich 7 Jahre dauert, bis ein Künstler den internationalen Durchbruch schaffen kann und mit einer Menge Risikokapital und Gratisarbeit verbunden ist. Die Erfolgsquote für Musikinvestoren liegt zwischen 10-15%, welche die Ausgaben für alle Projekte, welche den Break Even nicht erreicht haben, gerade stehen müssen. Kosten einen Newcomer in England zu ‚breaken‘ liegen zwischen CHF 750k – 2.5 Millionen. Und als wäre eine Produktion mit einem 120-köpfigen Symphonie Orchester in den Abbey Roads mit den Kosten einer Deep-House Produktion mit FL Studio oder Ableton Live zu vergleichen. Musikstreaming funktioniert vielleicht für Labels, welche einen gewaltigen Back-Katalog haben, mit dessen Einnahmen man sich an neue Projekte wagen kann.

    Das Netz finde ich nicht falsch und sehe darin auch eine Chance, den Musikkonsum effizienter zu machen und neue Anreize zu setzen, wieder für gute Musik und Unterhaltung zu bezahlen. Monopolistische Industrien hindern ja bekanntlich Innovation. Angebote wie Bandcamp etc. mögen zwar von der Idee her gut sein, aber sind alles andere als nutzerfreundlich und bequem zu bedienen. Wirtschaftlich ist es relativ einfach: Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Ist die Nachfrage höher für die Musik eines Künstlers, soll dieser selber entscheiden können, zu welchem Preis und wo er seine Arbeit anbieten will – er ist selber ein KMU. Ist die Nachfrage nicht da, muss er sie kreieren und greift so halt auch zu Gratis-Promotion seiner Musik. Wenn er andere Einnahmequellen findet, kann er auch weiterhin die Musik gratis anbieten, wenn er möchte. Das bleibt aber, meiner Meinung nach, die Entscheidung jedes Unternehmers und nicht die des Konsumenten oder die des Volkes.

    Freundliche Grüsse aus London.

  2. Andreas Von Gunten 12. März 2016 at 17:30 #

    Lieber Phil

    Besten Dank für ihren ausführlichen Kommentar. Lassen Sie mich gerne auf einzelne Punkte eingehen. Aber vorher noch einmal kurz, worum es mir hier in diesem Beitrag gegangen ist. Es geht um die Frage, ob sich die finanzielle Situation für einen grossen Teil der Schweizer Musikschaffenden, die heute versuchen auf sehr tiefem finanziellen Niveau professionell Musik zu machen, signifikant verbessern würde, wenn die werbefinanzierten Angebote wie Spotify Free und YouTube nicht mehr verfügbar wären. Denn diese Aussage wurde an dieser Podiumsdiskussion gemacht.

    Sie schreiben:

    “ Was bei Ihrer Argumentation grundsätzlich fehlt, ist das Free-Rider Problem (Youtube dient als Ersatz des Musikkonsums“

    Das ist korrekt, erstens weil die Frage eine andere ist, die ich hier zu beantworten versuche (siehe Einleitung zum Kommentar) und zweitens weil die Musik auf YouTube nur mit Zustimmung der Rechteinhaber vorhanden ist und ich darum die YouTube Konsumenten nicht als Free-Rider bezeichnen würde.

    „Laut Untersuchungen, werden 75% des Umsatzes von 40% Musikfans erwirtschaftet, welche teilweise bis $700 pro Jahr für aufgenommene Musik ausgeben.“

    Das ist interessant, ändert aber nichts an der Aussage zum Durchschnittlichen Konsum. Es wäre spannend zu wissen, ob diese 40% Musikfans durch die Verfügbarkeit von werbefinanzierter Musik auch weniger ausgeben werden. Es könnte ja sein, dass sich diese wie ich verhalten, sprich sie bezahlen zwar ein Streaming Abo geben aber immer noch relativ viel aus für gekaufte Musik und Konzerte?

    „Wie kommt es dass Schweden’s Musikindustrie immer wieder international erfolgreiche Musik und Künstler herausbringt und die Schweiz nicht. Anscheinend scheint Schweden’s Regierung den Wert der Musik anders einzuschätzen oder wahrzunehmen als in der Schweiz und investiert nachhaltig in international erfolgreiche Musik“

    Ich muss zugeben, dass ich mich zu wenig über die Unterschiede der Musikförderung zwischen Schweden und der Schweiz auskenne und kenne darum die Gründe nicht. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es damit zusammenhängt, dass es in Schweden keine werbefinanzierte und damit für die Konsumenten kostenfreie Musik geht.

    „Es gibt genügend akademische Studien welche belegen, dass wenn der freie Zugang zu Musik/Unterhaltung eingeschränkt wird, die Verkäufe 25-30% steigen können (z.B siehe Danaher et al, 2012; 2013).“

    Ich nur die Studie von Danaher et al. zu der Frage, ob der Verkauf und das kostenpflichtige Verleihen von Filmen durch den Shot-Down von Megaupload gestiegen ist. Ich weiss nicht, ob sie auf diese oder eine andere Studie referenzieren. Fall es diese ist, dann sprechen die Autoren „nur“ 6.5% bis 8.5% und wie gesagt, betrifft die Untersuchung die Filmindustrie, die m.A. nicht mit der Musikindustrie vergleichbar ist, weil es bei der Musik in der Regel keine geographisch beschränkten Releases gibt. Ich denke, dass diese Studie wenig aussagekräftig ist um die in der Einleitung dieses Kommentars gestellte Frage zu beantworten.

    „Was Sie ebenfalls völlig weglassen, ist, dass es durchschnittlich 7 Jahre dauert, bis ein Künstler den internationalen Durchbruch schaffen kann und mit einer Menge Risikokapital und Gratisarbeit verbunden ist. Die Erfolgsquote für Musikinvestoren liegt zwischen 10-15%, welche die Ausgaben für alle Projekte, welche den Break Even nicht erreicht haben, gerade stehen müssen.“

    Das war nicht Gegenstand meiner Erörterung, aber ja, das kann ich mir vorstellen und ist auch in anderen Branchen so.

    „Musikstreaming funktioniert vielleicht für Labels, welche einen gewaltigen Back-Katalog haben, mit dessen Einnahmen man sich an neue Projekte wagen kann.“

    Das sehe ich ja auch und ist das grosse Problem des Streamings und darum kaufen ja derzeit alle grossen Konzerne kontinuierlich Back-Katalog zusammen. Es findet eine grosse Umverteilung statt und das ist keine gute Entwicklung. Darum denke ich eben auch, dass es falsch ist, wenn die Musiker derart auf Streaming setzen und zwar soweit, dass alle anderen Kanäle verschwinden sollten. In einer solchen Situation profitieren nur die grossen Konzerne, sicher nicht der grosse Teil der Musikschaffenden.

    „Wirtschaftlich ist es relativ einfach: Die Nachfrage bestimmt das Angebot.“

    Das scheint ja mindestens in der Musikbranche nicht zu stimmen. Es gibt sehr viel mehr Musik als konsumiert werden kann.

    „Das bleibt aber, meiner Meinung nach, die Entscheidung jedes Unternehmers und nicht die des Konsumenten oder die des Volkes.“

    Völlig einverstanden. Es darf nur nicht sein, dass die die unbedingt Kopien oder Streams verkaufen wollen, zu verhindern versuchen, dass andere ihre Musik kostenlos bereitstellen.

    Herzliche Grüsse nach London
    Andreas

  3. Phil 13. März 2016 at 14:17 #

    Immer gerne, eine sachliche Diskussion finde ich begrüssenswert – das Musikbusiness bleibt aber hochkomplex und ich finde es gefährlich, vage Schlussfolgerungen zu ziehen.

    “Ob sich die finanzielle Situation für einen grossen Teil signifikant verbessern würde”.
    Eine eindeutige Antwort auf dieses Problem wird es nicht geben, ausser man probiert es effektiv und misst die Auswirkungen. Was ich Ihnen aufzeigen wollte, ist, dass es durchaus andere Faktoren gibt, welche die Antwort auf diese Frage bedeutend beeinflussen.

    Beispielsweise, wenn Youtube, ‘free’ und YT downloader die Investitionen der internationalen Labels nicht zurückbezahlen, wird dieses Geld von den Schweizer Labels, welche auch internationale Musik vertreiben (sub-license) fehlen, und nicht reinvestiert werden können in neue Talente. Bzw. der Schweizer Markt muss sich und die Infrastruktur selber finanzieren können. Zudem fallen finanzielle Anreize weg, überhaupt noch ‘mutig’ und ‘qualitativ’ hochstehende Musik zu schreiben und zu produzieren. Früher hatten (auch Schweizer) Künstler mehr Zeit im Studio um zu experimentieren, Produktionen wurden zurückgewiesen um noch ‘mehr’ heraus zu holen. Auf Kosten der Plattenfirma.

    Ich finde es gut, dass man werbe-finanziert Musik entdecken darf und soll. Dass aber via dieser Plattform nachher der ‘legale’ Download angeboten wird (youtube downloader) und als Ersatz für den nachhaltigeren Musikkonsum dient, finde ich das Hauptproblem. Mit Free-Riding bezeichnete ich den Konsum, welcher auf Youtube bleibt anstatt auf Bezahl-Angebote zu wechseln, weil Musik so gut wie öffentlich geworden ist, und nicht die ‘wahren’ Produktionskosten zahlt. Die Musik von Youtube downloaden zu können ist sicher nicht im Interesse der Rechteinhabern. Und grundsätzlich stellen Musik ihre Musik gratis auf Youtube um entdeckt zu werden mit der Hoffnung, dass wenn man die Musik mag, auch dafür bezahlen wird. Da es keine Einschränkungen gibt, gibt es keine Anreize die Musik anderswo als auf Youtube zu konsumieren. Auch bekannt als Youtube Value Gap (ad-funded streaming ist in Dänemark gerade mal für 4% der Einnahmen verantwortlich, 2015).

    Die 75%/40% Untersuchung ändert nichts an der Aussage, obwohl beide Zahlen nur auf verschieden repräsentativen Umfragewerten oder Hochrechnungen basieren. Leider gibt es noch keine akademischen Studien dazu, ob diese 40% effektiv weniger ausgeben werden, da das Streaming-Zeitalter erst begonnen hat. Wenn diese aber auf Streaming umsteigen, hätten mehrere Genres ein substanzielles Problem. Schön wäre es, wenn sich alle wie Sie verhalten würden. Aber wenn keine Anreize bestehen, warum sollte ich 700 Ausgeben wenn ich alles für 120 pro Jahr erhalten werde – solange die Qualität und Angebot stimmt. Und Live Nation (Promoter) und Universal Music (Record Labels) sind zwei unterschiedliche Geschäftsbereiche. Die Gerüchte, dass Künstler von Konzerten leben ist ebenfalls sehr gefährlich. Live Nation macht mit Ticketing Gebühren, Bier, Sponsoring und Parkgebühren überhaupt Geld. Mid-Range artists nicht mit den Einritten, sondern können oftmals nur dank Merchandise, teilweise sogar noch etwas nach allen Abzügen mit einem Konzert verdienen.

    Die andere Frage, ist, soll man als Künstler gezwungen werden, nur noch Konzerte spielen zu müssen und intensiv zu touren? Gibt es Künstler, die kreativer und wertvoller sind im Studio?
    Sollen Buchautoren ihr Geld nur noch mit Lesungen verdienen und die Bücher gratis verteilen etc.

    Bezüglich Studien, beziehe ich mich unter anderem auf folgende:
    Zentner (2006; 2009), Peitz & Waelbroeck (2004), Hui & Png (2003), Liebowitz (2008), Danaher, Smith & Delang (2014), Telang and Waldfogel (2014)
    Die Studie welche ich gemeint habe, war ihre Hadopi Untersuchtung in Frankreich und die konkrete Zahlen waren 20-25% und nicht 25-30%.

    Laut IFPI Zahlen ist der Markt in der Schweiz (2000-2014) im Gegensatz zum Ausland um 73% eingebrochen, im Gegensatz zum globalen Rückgang von “nur” 43% (IFPI CH 2015, RIN 2014).

    2002: File-Sharing reduziert um 30%, dass jemand noch Musik kaufen wird. Jeder Download reduziert Albumverkäufe um 0.15-0.3.
    Online Piraterie reduziert Ausgaben pro Einwohner um 20% (Rob and Waldvogel 2006)
    Physikalische Piraterie: bis zu 42% weniger Verkäufe (Hui and Png 2003).
    Pietz and Waelbroeck (2004): -25% in 16 Ländern 2000-2001
    Zentner (2009): 49 Ländern, 1997-2008 File-Sharing ist wahrscheinlich sogar bis zu 50% des Verkaufseinbruchs verantwortlich

    Wenn die Industrie kein Geld mehr verdienen kann mit internationalem repertoire, und nationalen major künsterln, wo soll dann noch Geld vorhanden sein für kleine Schweizer Künstler? Es gibt in der Schweiz bereits eine Tendenz, dass grössere Künstler nach alternativen Einnahmequellen suchen müssen, welche zuvor von kleineren-mittleren Künstlern genutzt werden konnten (Gigs, unter anderem auch corporate). Wäre spannend zu untersuchen, wie so der gratis Musikkonsum die Wahrnehmung von Musik und die allgemeine Bereitschaft für Musik zu bezahlen beeinflusst.

    Und natürlich noch die Lieblingsfrage: Wo bleibt die nächste Generation von Headlinern?

    Klar soll niemand gezwungen werden, seine Musik nur kostenpflichtig anbieten zu müssen. Ich glaube aber kein Musiker oder Band wäre dagegen, wenn er für Streams auf Youtube besser oder nachhaltiger entschädigt würde. Aber es besteht noch viel nicht ausgeschöpftes Potenzial in der Musikdistribution und Discovery. Musik-Entdecken könnte gratis bleiben aber limitiert auf 2-3 Plays. Danach kennt man den Song, und man kann sich entscheiden, ob man ihn kostenpflichtig streamen will oder gar kaufen oder in einer anderen Form unterstützen…

    Zurück zu Ihrer Frage. Ob die Mehrheit der Schweizer Musiker effektiv mehr Geld verdienen würde? Die drastischen Umsatzeinbussen seit 2000 schaden der ganzen Branche und führen direkt und indirekt zu weniger Budgets für hochwertige Aufnahmen, unterhaltsamen Videoclips und verringern die Risikobereitschaft in neues, ‚rohes‘ Talent zu investieren. Man hat keine Zeit (Geld) mehr Künstler nachhaltig aufzubauen und ihnen Vorschüsse zu bezahlen (welche man über CD Verkäufe versucht wieder zu ‚recoupen‘). Künstler könnten sich dann der Musik widmen, und müssten nicht 80% ihrer Zeit all ihre Social Media Kanäle unterhalten, anstatt gute Musik und Texte zu schreiben. Es gibt auch keine grossen Künstler, welche die 85% ‚Fehlschüsse‘ kompensieren könnten…

    Beste Grüsse und einen schönen Sonntag!

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