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Ein seltener Einblick in die Arbeitsweise der Postdemokratie: Das Alpiq-Papier ist online und es ist richtig ‚grusig‘

Das unsägliche Alpiq-Strategie-Papier, geschrieben von einer ‚führenden Beratungsfirma für strategische Kommunikation‘, so die Eigenbeschreibung der Wahrheitsverdreher, ist nun online als PDF bei der BaZ verfügbar, danke Dominik Feusi!

Wir erhalten damit einen der seltenen Einblicke in die Arbeitsweise der Postdemokratie. Die Inhalte des Dokumentes sprechen Bände. Hier sehen wir, wie der Prozess der öffentlichen Meinungsbildung hätte gestaltet werden sollen:

alpiq-lösungswege

 

Was vor allem tragisch ist, wie sehr der Autor dieses Dokumentes davon ausgeht, dass sich wichtige Akteure der politischen Öffentlichkeit instrumentalisieren lassen.

Zu den Verbänden können wir lesen:

  • Die Energieversorgungsverbände müssten durch Alpiq und AXPO gesteuert werden (Wasserwirtschaft, VSE, SE).
  • Wirtschaftsverbände müssten durch AXPO und Alpiq neutralisiert werden.
  • Ziel müsste sein, möglichst wenig Sperrfeuer seitens Verbandsorganisationen oder Think Tanks zu haben. Kritisch und schwer einzubinden sind Avenir Suisse und SGV.

Mir ist klar, dass die grossen Player in den Verbänden auch entsprechendes Gewicht haben. Aber es darf doch nicht sein, dass einzelne Verbandsmitglieder sich das Recht herausnehmen, ihre Verbände, die in der Öffentlichkeit als selbständige Organisationen positioniert werden, im Hintergrund zu steuern.

Oder zu den Medien:

  • Medienvertreter werden nach einer kurzen Beschäftigung mit der Sache vor allem aufgrund der Komplexität auf Personen fokussieren. Hier gilt es eine Strategie zu entwickeln.
  • Wir brauchen bei den Leitmedien Supporter, die a) Politiker als Helden ins Zentrum stellen und b) die Branche thematisieren und nicht zuvorderst die Unternehmen.

Hier stellt sich mir die Frage, wie das mit den genannten Supportern hätte funktionieren sollen. Das müssten ja entweder eingeweihte oder gesteuerte Journalisten sein. Beides wäre äusserst problematisch.

Krass ist auch, wie das offenbar mit den wissenschaftlichen Studien und Experten läuft:

  • gezielte Nutzung Dritter (Experten, Opinion Leader, usw), die das Problem belegen und sichtbar machen (ASAP Studien erstellen lassen, z.B. ETH, EPFL, Polynomics, ISB)
  • gezielte Nutzung Dritter zur Lancierung der Lösungen (Sobald die Studienergebnisse da sind)

Wie ein Hohn wirken da die Verhaltensgrundsätze der Alpiq Gruppe:

Vertrauen ist Grundvoraussetzung für den nachhaltigen Erfolg der Alpiq Gruppe. Dies bezieht sich insbesondere auf Kunden und Lieferanten, Aktionäre und Finanzinstitute, Regierungs- und Verwaltungsbehörden sowie die Öffentlichkeit. Damit wir diesen Erfolg dauerhaft erreichen, wollen wir alle unsere Anspruchsgruppen verstehen und unsere Verantwortung ihnen gegenüber wahrnehmen.

Eigenverantwortung, Aufrichtigkeit, Loyalität sowie der respektvolle Umgang mit sämtlichen Ressourcen bestimmt das Handeln der Alpiq Gruppe. Die Führungskräfte tragen dabei durch ihre Vorbildfunktion eine besondere Verantwortung.

Es mag naiv wirken und ich wiederhole mich, aber ich finde nicht, dass wir uns das gefallen lassen sollten. Diese Geschichte muss Konsequenzen haben. Wir müssen Wege finden, solche Machenschaften zu verhindern. Dazu ist vor allem auf jeder Stufe mehr Transparenz nötig. Bei Wissenschaftlichen Studien müssen wir wissen, wer die Auftraggeber sind und aus welchen Gründen diese gemacht werden. Journalistinnen und Journalisten sind gefordert genau hinzuschauen und die Absender von Expertenmeinungen zu hinterfragen, sowie transparent zu machen, welcher Anlass eine Story ausgelöst hat. Und wir brauchen eine gesellschaftliche Ächtung solcher Firmen, die sich offenbar als grosse Zampanos sehen und sich einen Deut um ihre gesellschaftliche Rolle scheren. Lesenswert zu diesem Thema ist auch der Beitrag von Ronnie Grob in der Medienwoche: «Mehr PR-Kritik bitte!».

Man kann es drehen und wenden wie man will, dieses Papier ist auf keinen Fall Ausdruck legitimer Interessenvertretung, sondern schlichtweg eine Sauerei.

 

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8 Responses to Ein seltener Einblick in die Arbeitsweise der Postdemokratie: Das Alpiq-Papier ist online und es ist richtig ‚grusig‘

  1. Thomas Binder 15. März 2016 at 21:12 #

    Der sich in einer freiheitlichen Demokratie und hoch gebildet Wähnende kann viel leichter und eleganter manipuliert und indoktriniert werden als der sich in einer Diktatur oder Oligolibidolobbykratie Wissende vergleichsweise Ungebildete.

    Bisweilen frage ich mich, ob „Propaganda“, als Begriff von Edward Bernays später selber in „Public Relations“ umbenannt, und seine anderen Bücher heute nicht mehr gelesen oder einfach verdrängt werden.

    Nicht nur Goebbels hatte Edward Bernays ganz genau gelesen, den Neffen von Sigmund Freud, welcher die theoretischen Erkenntnisse seines Onkels, zumindest anfänglich vermutlich nicht aus unfairer Absicht sondern unter dem Eindruck, beim Menschen handle es sich um ein irrationales, von unbewussten Trieben motiviertes Wesen, das notwendigerweise kultureller Bändigung und Steuerung bedürfe, gleich in die diabolische Praxis umsetzen musste. Er ist quasi der Übervater der modernen Manipulatoren, Spindoctors respektive PR-Berater in unzähligen PR-Agenturen, bei denen sich Drahtzieher heute alles kaufen können, von einer Kampagne für oder gegen ein Produkt, für oder gegen einen Menschen, für oder gegen Konzerne, Ideologien und Religionen über NGOs und Parteien bis zu ganzen Wirtschafts- oder handfesten Kriegen.

    Die grösste Tragik besteht in seinem unglaublichen elitären Irrtum, seiner wohl schwergradig narzisstischen Selbstüberschätzung: Die wirklich mächtige „Elite“ besteht mehrheitlich nicht aus vergleichsweise vernünftigen an der Förderung des Allgemeinwohls interessierten Menschen sondern aus eiskalten eigeninteressierten Machtmenschen, während die „Masse“, zumindest heutzutage, mehrheitlich aus einem vergleichsweise empathischen „Bildungsbürgertum“ besteht. Deshalb müssen die Machtverhältnisse umgedreht werden, durch eine Revolution oder, mir sympathischer, durch eine Evolution.

    Wir leben in einer Matrix aus mit der Realität verwobener PRopaganda, welche wir nicht einmal dann mehr als bloss in vergleichsweise eng umschriebenen Verblendungszusammenhängen auflösen können, wenn wir dies realisiert haben und die Manipulationstechniken selber beherrschen. Deshalb wird das Grösste, das der Mensch jemals wissen kann, vermutlich dies sein: „Ich weiss, dass ich (die wichtigen Dinge) nicht weiss.“

  2. Thomas Binder 15. März 2016 at 21:38 #

    Pardon, ich hatte in der ersten Version meinen Dank vergessen. 😀

  3. Ein Leser 16. März 2016 at 1:00 #

    Ich kann dem Blogpost nur zustimmen. Es wurde wohl schon immer versucht, Politiker, Verbände und Medienleute zu beeinflussen. Ob die Beeinflussungsversuche und vor allem die Beeinflussbarkeit zugenommen hat, könnte man allenfalls an Korruptionsindizes ablesen, denn aufs Gefühl ist kaum Verlass.

    Was sich aber klar sagen lässt: Gezielte Beeinflussung durch Anreize (Belohnungen, Geld, Medienpräsenz, Aufmerksamkeit, Gefälligkeiten, Macht) unterhöhlt die Demokratie.

    Und gerade hier zeigt es sich einmal mehr, dass vor allem die direkte Demokratie eins der besten, wenn nicht gar das beste Mittel ist, um die Demokratie zu verteidigen. Denn es ist erwiesenermassen möglich, durch Lobbying Politiker, Verbände, Medienleute zu kaufen (siehe besonders auch Beispiele aus dem EU-Parlament). Ein Volk zu kaufen, oder auch nur einen abstimmungsrelevanten Teil davon in der Schweiz, ist prohibitiv teuer und prohibitiv riskant fürs Image.

    Im Übrigen hat man als Beobachter gefühlsmässig schon den Eindruck, dass sich heute für Geld immer mehr Macht kaufen lässt (und sich umgekehrt Macht zu immer Geld machen lässt).

    Meines Erachtens hat dies unter anderem mit der immer grösseren Ungleichverteilung von Kapital zu: Es gibt wenige, die sehr viel haben und viele, die sehr wenig haben. Hätten alle ungefähr gleich viel davon, gäbe es einerseits weniger grosse Geldbeträge zu verteilen (die ja verwendet werden wollen, sonst sind sie nutzlos), andererseits wäre der Anreiz, sich gegen Geld beeinflussen zu lassen, geringer: Es haben alle ähnlich viel, es gibt weniger Grund für Neid, man hat seine Grundbedürfnisse abgedeckt und kann es sich leisten, Geldangebote abzulehnen.

    Es hat auch damit zu tun, und die Ungleichverteilung von Kapital ist gleichzeitig darauf zurückzuführen, dass der Produktionsfaktor Kapital heute viel mehr Macht hat als der Produktionsfaktor Arbeit. Kapital lässt sich besser anhäufen und über Generationen des Kapitalismus vererben als Arbeit und man kann sich mit dem gleichen Kapital flexibel und rasch immer mehr Arbeit, Dienste und Gesinnung kaufen. Marktliberalisierungen und, das sollte auch klar festgehalten werden, die Globalisierung, spielen der zunehmenden Konzentration von Kapital fortwährend in die Hände. Kapital ist und bleibt mobiler als Arbeit und Menschen.

    Bei obigem Beispiel von Alpiq darf natürlich nicht vergessen werden, dass seitens politisch linker NGOs ähnlich penetrantes Lobbying betrieben wird. Meistens zwar mit weniger Mitteleinsatz und moderner (via Social Media, virale Kampagnen), dafür spielen dort nichtmonetäre Anreize (PR, Medienpräsenz, politische Gefälligkeiten und Gegengeschäfte) eine wichtige Rolle. Auch da geht es aber im Grund ums „Kaufen“ von Einfluss und Macht, was letztlich genau so demokratieschädlich ist.

    Ich habe den Eindruck, dass z.B. Tamedia gewisse politische Themen sehr gezielt bearbeitet. Manche Artikel lesen sich jeweils wie Pressemitteilungen, manche Politiker und Verbandsvertreter kommen überproportional häufig zu Interviews, es ist vorhersehbar, bei welchen Artikeln die Kommentarfunktion jeweils deaktiviert wird.
    Ringier wiederum fährt via Blick seit Wolfgang Büchner in tendenziöser Art linkspopulistische Kampagnen. Einerseits wird da die Redaktion ganz klar von oben und innen beeinflusst, andererseits ist schwer vorstellbar, dass ein derart deutlicher Kurswechsel nicht auch mit einer freiwilligen, zunehmenden Käuflichkeit einhergeht.

  4. Stephan Klee 1. April 2016 at 15:04 #

    Schade, dass der Link zum PDF nicht mehr funktioniert. Würde es sehr gerne auch im Original lesen.

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