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Zur Online-Umfrage des SRF zum Themenschwerpunkt „Die Schweizer“

Der Online-Fragebogen zum Themenschwerpunkt „Die Schweizer“ des SRF ist durchtränkt mit Klischees über die Schweiz und kaum durchdacht. Es ist simpelste Unterhaltung, die man eigentlich einfach ignorieren könnte. Ich finde es aber ein gutes Beispiel dafür, wie sogenannte Qualitätsmedien sich der totalen Beliebigkeit bedienen und interessante Chancen, die sich eigentlich durch das Thema und die Reichweite ergäben, verspielen. Service-Public wie ihn Roger de Weck jeweils proklamiert, sähe für mich anders aus.

Frage 1:  Sind Sie stolz, Schweizer/-in zu sein? 

Bereits diese erste Frage ist problematisch. Mir war noch nie klar, wie man stolz sein kann auf etwas, wozu man nichts beigetragen hat. Ich bin durch den glücklichen Zufall meiner Geburt Schweizer geworden. Dafür bin ich sehr dankbar, denn ich bin schon der Meinung, dass ich in einem grossartigen Land in einer ausgesprochen privilegierten Umgebung leben darf. Aber stolz darauf zu sein, bin ich nicht berechtigt. Es ist nicht mein Verdienst, Schweizer zu sein.

Hier fehlt mir darum die Auswahlmöglichkeit: „Ich bin nicht stolz auf etwas, worauf ich keinen Einfluss habe.“ Die Auswahl „Gar nicht“ entspricht in diesem Kontext nicht meiner Haltung. Sie kann auch so interpretiert werden, dass ich die Schweiz negativ beurteile und deswegen eben „nicht stolz“ bin, was allerdings nicht zutrifft.

Frage 2: Als was fühlen Sie sich am meisten? 

Ich kann hier eigentlich gar keine sinnvolle Auswahl treffen. Erstens „fühle“ ich in diesem Kontext überhaupt nichts, sondern sehe mich ganz rational als Teil von mehreren Gemeinschaften bzw. politischen Ebenen. Ich bin Teil meiner Gemeinde, meines Kantons, meiner Sprachregion, Europas und letztlich auch der Welt. Da ich allerdings auf europäischer und globaler Ebene wenig bis keinen politischen Einfluss nehmen kann, und mein persönlicher Aktivitätsgrad und damit auch die Netzwerkbindungen mit zunehmenden Radius abnehmen, bin ich natürlich stärker in die Schweiz als Nation und ihre politischen Einheiten eingebunden. Hier wäre es hilfreicher, wenn man die einzelnen Auswahlmöglichkeiten Gewichten könnte und man auf das Wort „fühlen“ verzichtet hätte.  

 Frage 3: Wie stark fühlen Sie sich gegenüber den vier Sprachregionen der Schweiz verbunden (z.B. als Deutschschweizer gegenüber der französischsprachigen Schweiz)?

Auch hier wieder die Frage nach den „Gefühlen“. Ich kann da in mich gehen wie ich will, „fühlen“ tue ich nichts. Ich könnte höchstens deklarieren, inwiefern ich mich selbst als Teil der anderen Sprachregionen verstehe. Dabei würde ich aber gerne noch mitgeben, wie wichtig ich es finde, dass die Schweiz als Nation versucht den Austausch zwischen den Kulturen zu fördern und gleichzeitig, die Diversität, die sich aus dem Umstand, dass die Schweiz über vier Sprachregionen verfügt, begrüsst und fördert.  

Frage 4 ist unproblematisch.

Frage 5: Mit wie vielen ausländischen Kulturen und Ländern haben Sie, z.B. über Herkunft/Familie, eine engere Beziehung? 

Hier war mir überhaupt nicht klar, was „engere Beziehung“ bedeutet, vor allem weil noch der Hinweis zur „Herkunft/Familie“ gegeben wird. In familiärer Hinsicht gibt es bei uns keine ausländischen Kulturen, aber in Beruf & Freizeit pflege ich viele Beziehungen zu Menschen anderer Herkunft, auch solche, die ich als „eng“ bezeichnen würde, wenn auch nicht so eng, wie sich das durch Herkunft oder Familie in der Regel ergibt. Was soll man hier nun Antworten? Bei derart offenen und vagen Fragen sind kaum sinnvolle Vergleiche der Antworten möglich.

Frage 6: Sehen Sie sich mehr Schweizer oder mehr ausländische Fernsehsender an? 

Hier fehlt die Auswahlmöglichkeit „Keine Ahnung“, denn Ich weiss es schlicht nicht. Ich schaue selten fern und die meisten TV Sendungen die ich konsumiere, sehe ich mittlerweile via YouTube oder abonnierte Podcasts, ohne mir gross zu überlegen, wo sie ausgestrahlt wurden. Den Tatort am Sonntag schaue ich in der Regel bei ARD, könnte aber genauso gut SRF dafür nutzen. Ich habe echt keine Ahnung, ob es am Ende mehr Produktionen von Schweizer Sendern oder ausländischen sind. 

 Frage 7: Besitzen Sie eine Schweizer Fahne?

Endlich mal eine einfach zu beantwortende Frage 🙂  Hier gibt es nichts zu interpretieren, entweder hast Du eine oder Du hast keine.

Frage 8: Was bedeutet für Sie der 1. August. 

Hier fehlt mir die Auswahlmöglichkeit „Nichts“. Er hat keine Bedeutung für mich, weil es ein willkürlich festgelegtes Datum ist und nicht sehr viel mit der heutigen Schweiz zu tun hat. Die offizielle Bezeichnung ist übrigens „Bundesfeiertag“ und nicht „Nationalfeiertag“.

Frage 9: Kann man Ihrer Meinung nach ein/-e gute/-r Schweizer/-in sein… 

Diese Frage suggeriert, dass es so etwas wie den „guten Schweizer“ oder die „gute Schweizerin“ gäbe. Das ist meines Erachtens eine falsche Sichtweise. Wenn schön müssen wir uns fragen, ob es Bürgertugenden gibt, unabhängig davon, in welche Nation man hineingeboren wurde. Kommt dazu, dass man immer ein guter „irgendwas“ sein kann, auch wenn alle angegeben Auswahlmöglichkeiten nicht zuträfen. Sie sind immer nur ein kleinster Ausschnitt aus der riesigen Anzahl Lebenssituationen und den damit verbundenen moralischen Entscheidungen, die wir dauernd zu treffen haben.

 Frage 10: Muss Ihr Besuch bei Ihnen zu Hause die Schuhe ausziehen?

Hier fehlen die Auswahlmöglichkeiten „manchmal, wenn ich gerade geputzt habe und es draussen dreckig ist“ und „kommt darauf an wer“ sowie „wenn ich gerade Lust habe, schwierig zu sein.“  😉

Fragen 11,12, 14, 15, und 16 sind unproblematisch

Bei der Frage 13 nach dem liebsten Verkehrsmittel hätte ich mir gewichtete Mehrfachauswahl gewünscht. 

Frage 17: Welches Familienmodell erachten Sie persönlich für das beste, wenn die Familie aus beiden Elternteilen und mind. einem Kind besteht? 

Es gibt keine allgemein gültige Aussage darüber, was das beste Familienmodel ist. Diese Frage kann nur im Einzelfall und hauptsächlich von den Betroffenen und ihrem persönlichen Umfeld beantwortet werden. Kommt dazu, dass die Antwort sich über die Zeitachse hinweg womöglich ändert.

 Frage 18: Angenommen, Ihr Einkommen würde bei einer Teilzeitanstellung gut für den Lebensunterhalt ausreichen, wollen Sie dann lieber mehr Freizeit haben (bzw. Teilzeit arbeiten) oder mehr verdienen (bzw. Vollzeit arbeiten)?

Auch die Antwort auf diese Frage dürfte sich wohl im Laufe eines Lebens immer wieder ändern. 

Frage 19: Was ist Ihrer Meinung nach die Hauptaufgabe der Schule? 

Hier fehlt die wichtigste und meiner Meinung nach einzig richte Antwort auf diese Frage: „Den Schüler/innen beizubringen selber zu denken und ihnen dadurch zu helfen, mündige Bürger zu werden.

Frage 20: Bei wem würden Sie zuerst Hilfe suchen, wenn Einkommen und Vermögen für den Lebensunterhalt nicht mehr ausreichen? 

Hier kommt es wohl sehr stark darauf an, ob diese Situation temporär zu sein scheint, oder ob ein grundlegendes Problem vorliegt. Weiterhin kommt es darauf an, welche Art von Hilfe man sucht. Geld? Menschlichkeit? Förderung der Weiterentwicklung? So kann man sicher in vielen Fällen bei einem temporären Engpass auf finanzielle Unterstützung im näheren Umfeld zählen, aber kaum wenn diese Situation länger andauert. Während es selten vorkommt, dass ausgerechnet die Familienmitglieder oder Freunde die richtigen sind um einem bei einer vielleicht notwendigen Neuorientierung zu helfen. 

Frage 21 lasse ich gerade noch durchgehen 🙂

Frage 22 ist unproblematisch. 

Frage 23: Welche der nachfolgenden Aussagen trifft Ihre Meinung am besten? 

Hier fehlt die Aussage „Muss im Einzelfall entschieden werden“. Keine dieser Aussagen kann allgemeingültig sein. Es kommt auf die Details und das konkrete Problem an. Kommt dazu, dass wir vielleicht auch die Wachstumsdoktrin als solche in Frage stellen können und sich dann dieser vermeintliche Widerspruch gar nicht ergibt.  

Frage 24: Steht die Volkssouveräntität Ihrer Meinung nach … 

Einmal mehr: Kommt auf den Einzelfall an und vor allem auch, wie der Wille des Volkes ermittelt wird. Es ist m.E. nicht sinnvoll in solchen Fragen auf absoluten Antworten zu beharren, sondern muss bereit sein, immer möglichst viele Aspekte des Einzelfalles zu berücksichtigen und die Argumente zu begründen und debattieren. 

 Frage 25: Finden Sie es richtig, dass finanzstarke Kantone die schwächeren Kantone unterstützen (Finanzausgleich)?

Wenn die finanzschwachen Kantone etwas dafür tun, ihre Situation zu verbessern, im Prinzip schon. Allerdings müssen wir auch nicht überall gleiche Verhältnisse schaffen, sondern in der Differenz die Vorteile sehen. 

Frage 26: Soll Ihrer Meinung nach der Sozialstaat in der Schweiz (z.B. gesetzliche Krankenversicherung, Unfallversicherung, AHV, ALV) …

Hier fehlt wiederum eine wichtige weitere Auswahlmöglichkeit. Es gäbe neben dem Ausbau, dem gleich bleiben und dem Abbau auch noch den Umbau.  Kommt dazu, dass auch hier wohl keine derart allgemeine Antwort sinnvoll ist. Und es stellt sich die frage, was denn genau gemeint ist. Die Leistungen des Sozialwesens oder die Kosten? So gibt es Faktoren, wie die demographische Entwicklung, die schlichtweg dazu führen werden, dass die Kosten bei gleichbleibender Leistung steigen werden. 

 Frage 28: Wodurch sehen Sie primär die Schweizer Identität in Gefahr? 

Was immer das auch sein mag. 

Bei den Fragen 27, 29 und 30 habe ich nichts zu mäkeln 🙂

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