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Swisscom gibt zu, dass sie zu Wegelagerern des Internets werden wollen.

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Im Zusammenhang mit dem Swisscom/Netflix Debakel hat Watson ein paar interessante Fragen an die Swisscom gestellt und noch interessantere Antworten erhalten. Eine davon wollen wir hier kurz beleuchten.

Grundsätzlich ist es so, dass wir bei einem Internet-Zugangsanbieter ein Internet-Abo bestellen und bezahlen und dafür im Gegenzug erwarten, dass wir für den bezahlten Betrag, alles was im Internet angeboten wird, im Rahmen der bezahlten Bandbreite oder Datenmenge, uneingerschränkt nutzen können. Für Anbieter von Diensten im Internet, ist es ähnlich einfach. Man mietet irgendwo in einem Datenzenter einen Internet-Anschluss und bezahlt für die Datenmenge pro Sekunde, die von diesem Server abgerufen wird. Je erfolgreicher ein Angebot ist, desto mehr Bandbreite muss ein Anbieter mieten. Der Anbieter bezahlt also genauso für die Möglichkeit, Daten ins Internet zu senden und zu empfangen, wie der Nutzer. Wenn ein Anbieter sehr erfolgreich ist, dann schliesst er zusätzlich weitere Server in verschiedenen Ländern ans Internet und bezahlt auch da dafür.

Bis vor wenigen Jahren, war dieses System völlig unbestritten und die verschiedenen Internet-Provider haben ihrer Netze miteinander zusammengeschlossen, denn nur so, konnten alle davon profitieren. Irgendwann haben die Telekommunikationsabieter, denen auch die Kabel und die Antennen gehören, die die Nutzer mit dem Internet verbinden, gemerkt, dass sie eigentlich auf einer unermesslichen Goldgrube sitzen. Sie besitzen nämlich alle Passtrassen, Brücken und Tunnels der digitalen Kommunikationsinfrastruktur, und nicht nur das, sie besitzen den Zugang zum Internet-Nutzer. Da braucht es natürlich nicht viel, bis jemand auf die Idee kommt, diese Brücken und Zugänge nur noch gegen Geld passieren zu lassen. Genauso, wie das früher Wegelagerer und andere Abzocker an schwer passierbaren Stellen mit wenig Ausweichmöglichkeiten gemacht haben.

Warum soll uns das Geld der Internet-Nutzer und das Geld der Internet-Anbieter für die Nutzung der Infrastruktur ausreichen, wenn wir doch nun die Möglichkeit haben, nochmals sehr viel mehr Geld für die Durchleitung zu verlangen, sagt sich offenbar die Swisscom und mit ihr, auch die anderen Telkos, die die Netzneutralität mit allen Mitteln bekämpfen. Es sei nichts anderes als ein zweiseitiger Markt, meint der Mediensprecher von Swisscom indem er sein Unternehmen mit einem Zeitungsverlag vergleicht. Damit gibt er zu, dass es der Swisscom darum geht, sich neu als Wegelagerer im Internet zu positionieren und nicht mehr als Zugangsanbieter für Internet-Nutzer und -Anbieter.

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Es ist richtig, dass eine Zeitung als schönes Beispiel für einen zweiseitigen Markt herhalten kann. Es gibt hier allerdings zwei ganz wichtige Unterschiede. Erstens bezahle ich die Zeitung dafür, dass sie für mich auswählt, während ich den Internet-Zugangsanbieter dafür bezahle, dass ich ohne Einschränkungen alles, was es im Internet gibt, nutzen kann. Und zweitens ist das Internet ist eine offene Plattform von immenser gesellschaftlicher Bedeutung für alle und gehört weder der Swisscom noch irgendeinem anderen Anbieter. Es ist darum völlig vermessen und unverfroren, sich hier so darzustellen, als sei es quasi nichts anderes als ihr gutes Recht, noch einmal die Hand aufzuhalten.

Wir müssen uns klar darüber sein, dass der gesellschaftliche und gesamtwirtschaftliche Schaden für die Schweiz enorm sein wird, wenn wir es zulassen, dass die Swisscom und ihre paar Mitbewerber dieses Geschäftsmodell ausbauen können. Richtig, die Swisscom wird krass fette Gewinne schreiben, aber wir alle werden darunter leiden. Wir werden nur noch den Teil des Internets zu sehen bekommen, den die Telkos als Internet definieren. Sie sagen dann einfach: «Och, Skype oder Netflix, das ist nicht Internet, das ist ein Spezialdienst, und wenn Du bei uns Kunde bist, gibt es nur die Spezialdienste, die wir für richtig halten, sorry». Und weil das dann jeder so macht, wirst Du keinen Anbieter mehr finden, der Dir das volle Internet gibt (ausser vielleicht Init7, deren Angebot Fiber7 es aber, wahrscheinlich noch für Jahrzehnte, nur in den grösseren Stadt-Regionen geben wird). Noch schlimmer, es werden mit der Zeit auch keine neuen Angebote mehr entstehen, weil es ja für jeden Newcomer, der ein bestehendes Produkt besser machen will, unmöglich sein wird, zu den potentiellen Endkunden durch zukommen. Nicht nur, weil er dafür eine Telko-Wegelagerer-Steuer bezahlen muss, sondern weil die Telkos schon gar nicht erst einen Vertrag abschliessen werden, mit jemanden der ihre wichtigen Kunden mit einem Konkurrenzprodukt verärgert.

Abschliessend sei noch erwähnt, dass der zweite Teil der obigen Antwort, dass das quasi schon immer so war, so nicht stimmt, aber dazu werde ich mich in einem späteren Beitrag noch äussern.

Vorerst sei einfach noch einmal klargestellt: Ohne die gesetzliche Verankerung der Netzneutralität werden die Swisscom und die anderen Telkos in Zukunft einfach laufend Internet-Angebote als Spezialdienste definieren und dann dafür ihre Wegelagerer-Steuer bei den Anbieter eintreiben. Das wird dazu führen, dass unser offenes Internet Vergangenheit sein wird und Du aus deutlich weniger Alternativen wählen können wirst. Und falls Du mal mit dem Gedanken gespielt hast ein Unternehmen zu gründen, um ein besseres Produkt im Netz anzubieten, dann würde ich sagen, vergiss das und heuere am besten bei der Swisscom oder der UPC Cablecom an.

(Disclosure: Ich bin, abgesehen vom Netzneutralitäts-Problem, zufriedener Swisscom-Mobile und UPC Cablecom Kunde. Als Mitglied der Digitalen Gesellschaft und als Staatsbürger setze ich mich für die gesetzliche Verankerung der Netzneutralität ein und ich kenne Fredy Künzler, den Gründer und Geschäftsführer von Init7, persönlich.)

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7 Responses to Swisscom gibt zu, dass sie zu Wegelagerern des Internets werden wollen.

  1. Patrick 23. März 2016 at 15:28 #

    Die ganze Geschichte klingt irgendwie wie Tim Wu’s Buch „The Master Switch“…
    Wir sind also drauf und dran, das Internet zu privatisieren, bis dann wieder die nächste Technologie-Welle kommt.

  2. hanibal01 23. März 2016 at 15:57 #

    Ich freue mich schon, wenn ich das nächstemal bei Andreas von Gunten in der Nähe eine Fete habe. Ist ja klar, das ich dann kostenlos in seinem Schlafzimmer übernachte!
    Ansonsten outet er sich als „Wegelagerer“ der Neuzeit!
    Der Artikel behinaltet soviel Naivität und Weltveresserungspotential, dass ich schmunzeln muss :-).

    • Andreas Von Gunten 23. März 2016 at 21:20 #

      Es freut mich, dass sie schmunzeln, denn schmunzeln ist ja fast schon lächeln und lächelnde Menschen tragen bestimmt zu einer besseren Welt bei. Womit wir bereits beim Thema wären. Natürlich will ich die Welt verbessern, wer will das nicht? Ich tue das, indem ich zuerst bei mir beginne, (fast) jeden Tag, aber auch indem ich mich Frage, welche Lösungen für das Zusammenleben in der Gesellschaft besser sind als andere und indem ich mich dann in die politische Debatte einmische. Die Fragen, die ich hier in diesem Beitrag anspreche, sind keinesfalls ’naiv‘ weder Sinne von töricht noch von einfältig, sondern ziemlich sinnvoll und komplex. Dabei geht es nicht, darum, dass ich der Meinung bin, dass die Nutzer der Internet-Infrastruktur nichts dafür bezahlen sollen. Im Gegenteil, es wird ja bezahlt, sowohl von denen, die einen Service Nutzen, wie auch von denen, die einen Service anbieten und das ist gut so. Was ich nicht gescheit finde, wenn wir uns fragen, wie die Welt aussehen soll, in der wir leben, ist, dass zusätzlich eine Wegsteuer erhoben werden soll. Diese kommt nur ein paar wenigen Anbietern zu Gute und führt zu einer Reduktion der Kommunikations- und Innovationsmöglichkeiten für alle anderen und volkswirtschaftlich gesehen zu einer Reduktion der Leistungspotentiale. Das kann niemand, ausser der wenigen Profiteure einer solchen Lösung, wirklich wollen. Und zur Frage, ob sie bei mir gratis übernachten könnten, kann ich sagen: sehr wahrscheinlich schon, wenn Sie nett sind und sich benehmen, sind sie herzlich willkommen. Aber das hat überhaupt nichts mit dem Thema der Netzneutralität zu tun. Es heisst ja nicht Bettneutralität 🙂 Frohe Ostern!

  3. Sam 23. März 2016 at 21:33 #

    Da steht: „Für Anbieter von Diensten im Internet, ist es ähnlich einfach. Man mietet irgendwo in einem Datenzenter einen Internet-Anschluss und bezahlt für die Datenmenge pro Sekunde, die von diesem Server abgerufen wird. Je erfolgreicher ein Angebot ist, desto mehr Bandbreite muss ein Anbieter mieten. Der Anbieter bezahlt also genauso für die Möglichkeit, Daten ins Internet zu senden und zu empfangen, wie der Nutzer. Wenn ein Anbieter sehr erfolgreich ist, dann schliesst er zusätzlich weitere Server in verschiedenen Ländern ans Internet und bezahlt auch da dafür.“ Aber Netflix wechselt zum schwächeren Transitanbieter und verlangt, dass Swisscom den Betrieb und Unterhalt der Server zahlen sollten, die ins Swisscom Netz gestellt werden könnten. Das ist ein Widerspruch. Verstösst dann nicht Netflix gegen die gewünschte Neutralität?

    • Andreas Von Gunten 23. März 2016 at 21:42 #

      Netflix ist ein Dienst-Anbieter und kann daher gar nicht gegen die Netzneutralität verstossen. Nur Zugangs-Anbieter können das. Es ist Sache des Zugangs-Anbieters, in diesem Falle Swisscom, dafür zu sorgen, dass die Inhalte über ihr Netz durchkommen. Das ist der Witz des Internets. Eine ausführliche Beschreibung des Problems, finden sie hier: https://isp-blog.ch/das-netflix-paradoxon-bei-swisscom/

  4. Peter Grassi 26. März 2016 at 6:53 #

    In dem Beispiel bezeichnet sich die Swisscom als Zeitung, sie ist aber eher mit der Papierherstellerin zu vergleichen, welche dem Dienstanbieter zuerst das Papier verkauft und vom Dienstanbieter und vom Nutzer für jeden auf ihrem Papier zu erscheinenden Artikel eine zusätzliche Zahlung verlangt. Oder aber mit dem Zeitungsträger, der zunächst Geld für die Entgegennahme der Zeitung bekommt, und dann nochmals Geld von der Zeitung und vom Leser will, um die Zeitung auch wirklich effektiv zuzustellen, und wenn es für die blosse Zustellung nichts gibt, dann doch wenigstens dafür, dass sie rechtzeitig zugestellt wird oder dass sie vor den anderen Zeitungen ausgeliefert wird. Es braucht dringend eine gesetzliche Verankerung der Netzneutralität oder wir werden in Zukunft tatsächlich nur noch zu lesen kriegen, was an [Bezeichnung gestrichen] Swisscom (und ihren 1-2 Mitbewerbern) vorbeikam.

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  1. Das Swisscom Netflix Problem ist Hausgemacht denn man will nur Abzocken | Eric-Oliver Mächler - 23. März 2016

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