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Curation & Zensur – Der kleine aber wichtige Unterschied

Bild Quelle: ZDnetSeit ungefähr zwei Jahren geistert der Englische Begriff „Curation“ durch die Online Spalten derjenigen, die sich mit der Zukunft der Medien im Internet Zeitalter auseinander setzen (siehe dazu auch die Links am Ende des Artikels).

Was ist „Curation“?

Als „Curator“ wird eine Rolle bezeichnet, die aus dem breiten, reissenden Informationsfluss diejenigen Häppchen herausfischt, aufbereit und ggf. zusammenfasst, die für die jeweilige Zielgruppe interessant sind.

Das kann im einfachsten Fall in Form von Tweets oder Facebook Status Updates geschehen, oder im Rahmen von kurz Kommentierten Linklisten in Blogartikeln, wie etwa die „Lesenswerten Artikel“ bei neunetz.com, die Rubrik Linkwertig von netzwertig.com, 6 vor 9 von Ronnie Grob beim Bildblog, usw. Auch etablierte Medienunternehmen wie die New York Times führen online eine feste Curation Rubrik „What we are reading„. Die Autorenplattform carta.info aus Deutschland setzt neben eigenen Inhalten auf Curation und auch Musikblogs wie 78s sind letztendlich „Curators“ für Musik, die online Verfügbar ist. Es handelt sich hier also keinesfalls um eine Ausrede für Blogger, die keine eigenen Inhalte schaffen wollen oder können, wie das manchmal kolportiert wird. 

Curation unterscheidet sich von Aggregation dadurch, dass letztere maschinell geschieht, während bei ersterer Menschen im Spiel sind. Menschen, die kontextabhängig bewerten und auswählen, sowie intelligent zusammenführen und zusammenfassen können. Das will nicht heissen, dass die automatischen Aggreagtoren nicht auch nützlich sein können. Ein gutes Beispiel hierfür wäre Rivva.de, wobei hier mittlerweile die algorithmus baiserte Auswahl durch Menschenhand ergänzt wird.

Die Deutsche Übersetzung für „Curator“ wäre natürlich Kurator, aber irgendwie erscheint es mir etwas frevelhaft, einen Apple Fanboy beispielsweise, der täglich ein paar interessante Links verzwitschert mit einem Kunsthistoriker, der in monatelanger, manchmal jahrelanger intensiver Arbeit eine Ausstellung vorbereitet, in den selben Topf zu werfen.

Damit will ich die „Curator“ Rolle im Internet auf keinen Fall schlecht reden, oder gar der Lächerlichkeit Preis geben, sondern einfach feststellen, dass es zwar Ähnlichkeiten zum klassischen Kurator gibt, diese beiden Rollen aber nicht deckungsgleich sind, und wir vielleicht eine andere Bezeichnung im Deutschen finden, oder uns vorläufig mit der Englischen begnügen sollten.

Auf jeden Fall bildet die „Curation“ eine wichtige Funktion in der schönen neuen Online Welt, und so wie es momentan aussieht, wird diese Funktion an Bedeutung gewinnen.

Curated Computing

Vor ein paar Tagen hat nun Sarah Rotman Epps, eine Analystin von Forrester Research, den Versuch unternommen, die Zensurtätigkeit bei geschlossenen Systemen, wie zum Beispiel im App Store von Apple mit dem Begriff „Curated Computing“ schön zu reden.

Sie erläutert, dass Apple mit dem iPad eine Platform geschaffen habe, die durch „less choice, more relevance“ höheren Nutzen biete und sie schlägt deshalb vor, dass sich die IT-Industrie dieses Model zum Vorbild machen sollte.

Es ist zwar richtig, dass es Apple, vor allem durch verschiedene technische Einschränkungen schafft, ihre Systeme nutzerfreundlicher und stabiler zu halten, als alle anderen Anbieter von computergestützen Devices. Das ist aber nicht erst seit dem iPad so, das war auch bereits beim Mac der Fall.

Wir müssen hier zwischen zwei unterschiedlichen Aspekten der Einschränkungen durch den Anbieter von Plattformen unterscheiden. Und zwar einerseits der technischen Einschränkungen und andererseits den inhaltlichen Ausgrenzungen.

Dass ich auf dem iPad keine Flash Programme laufen lassen kann, ist eine technische Einschränkung. Natürlich hat diese auch inhaltliche Konsequenzen, aber es ist in erster Linie eine technische Frage. Genauso wie das Betriebssystem, die Hardware, der Formfaktor usw. Gegen solche Einschränkungen ist im Prinzip nichts einzuwenden. Jede Computerplattform ist irgendwie technisch begrenzt. Natürlich gibt es Geräte die mehr Möglichkeiten bieten als andere, aber das ist eigentlich nicht wirklich problematisch. Sollte Frau Epps diese technischen Einschränkungen, die natürlich die Auswahl an Inhalten auch begrenzen mit „Curated Computing“ gemeint haben, dann wäre der Begriff wertlos, bzw. eine Bezeichnung für etwas, was schon immer da gewesen wäre und auf jeden Computer zutrifft.

Apple macht aber mehr als nur technische Vorgaben. Die Programme, die auf der iPad/iPhone Plattform den Kunden zur Verfügung gestellt werden, werden von Apple auswählt und freigegeben. Nicht nur aufgrund technischer Kriterien, sondern oft auch aufgrund inhaltlicher. Dabei entscheidet Apple willkürlich und absolut. Eine Berufungsinstanz gibt es nicht. Da, wie oben aufgeführt, die Bezeichnung „Curated Computing“ kaum auf die technischen Einschränkungen angewendet werden kann, können wir davon ausgehen, dass es diese inhaltlichen Einschränkungen sind, die Sara Rotman Epps gemeint und positiv bewertet hat.

Diese inhaltlichen Eingriffe sind aber nicht zu verwechseln mit der Tätigkeit des „Curators“, sondern sind klar als Zensur zu bezeichnen. Wenn ich Links auswähle und zusammenstelle und auf Inhalte kontextbezogen hinweise, entscheide auch ich, welche Inhalte aufgeführt werden und welche nicht. Allerdings sind, die, die ich nicht auswähle, trotzdem verfügbar und können durchaus von jemandem anderen als wichtig bezeichnet werden. Meine „Curation“ schliesst niemanden aus. Durch die Tätigkeit von Apple werden Inhalte den Nutzern aber nicht nur vorenthalten, sie sind schlicht nicht verfügbar. Das ist definitiv ein wichtiger Unterschied.

Der Curator wählt aus, der Zensor schliesst aus.

Wir sollten uns darum davor hüten, die Zensurtätigkeiten von Platform betreibern als „Curation“ zu bezeichnen, das wäre dann sonst Newspeak.

Links:

 

 

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