
An meinen Vorträgen und Workshops zeige ich oft, wie ich mit meinem KI-Agenten-System arbeite. Ich bediene ganz selten noch klassische Computer-Anwendungen wie Word oder Excel. Alle meine Tätigkeiten finden in KI-Chat-Sessions statt, die in der Regel mehrere Arbeitsschritte für mich ausführen.
Vor kurzem hat Anthropic eine Studie darüber publiziert, wie sich die Arbeitsweise im eigenen Haus verändert, gestützt auf die eigenen internen Daten und natürlich nicht frei von Eigeninteressen. Die Studie hält neben vielen anderen interessanten Befunden auch fest, dass der Flaschenhals bei der Aufmerksamkeit liegt, die Menschen den (Zwischen-)Ergebnissen der Agenten geben müssen, damit die weiterarbeiten können.
Das entspricht auch meiner täglichen Erfahrung. Ich komme mir vor, wie wenn ich eine Horde von kleinen Kindern betreuen müsste, die aber alle so gescheit sind wie Professorinnen und Professoren in ihren Fachgebieten. Sie können unglaublich viel machen und liefern auch sehr viel Material zurück. Und sie rufen permanent: «Hallo, hallo, was kann ich als Nächstes tun?», «Hallo, hallo, was soll ich machen?»
Ich habe in der Regel mehrere Sessions gleichzeitig am Laufen und jede einzelne verlangt von mir höchste Aufmerksamkeit und vor allem ein Urteil über die Qualität der gelieferten Ergebnisse. Denn wie wir wissen, können wir uns nicht zu 100 % darauf verlassen, dass die generierten Inhalte korrekt sind. Jeder Aufruf einer externen Datenquelle oder Applikation, jede Zeile Code, jede Zeile Text, alles, was wir zurückerhalten, ist das Ergebnis von aneinandergereihten Wahrscheinlichkeiten. Es können Fehler entstehen, und wir müssen beurteilen, ob das Ergebnis gut genug ist. Dabei möchte ich allerdings nicht unerwähnt lassen, dass wir bei Menschen genau denselben Effekt haben. Niemand von uns weiss alles zu 100 % en Detail und auch die Ergebnisse, die wir produzieren, sind letztendlich Projektionen unseres Gehirns und keine 1:1-Kopien von gelerntem Wissen. Auch wenn wir Arbeitsergebnisse von Menschen vorgelegt bekommen, müssen wir diese beurteilen, bevor wir sie mit unserer Verantwortung weiter nutzen. Bei menschlicher Arbeit verteilt sich das Beurteilen allerdings oft auf mehrere Personen und über Tage oder Wochen. Beim Agentensystem fällt es auf eine einzige Person und dies gleichzeitig über mehrere Ergebnisse innerhalb von kurzen Zeitspannen.
Meine Urteilskraft hängt davon ab, wie viel ich selbst von der Materie verstehe. Da aber kein Mensch alles wissen kann, müssen wir auch beurteilen können, wenn wir nicht denselben Wissensstand haben, wie die Person oder das KI-System, die uns Ergebnisse vorlegen. Auch das ist kein neues Phänomen bzw. an sich keine neue Herausforderung an Führungskräfte.
Der Unterschied liegt in der Menge sowie in der Breite der Informationsbasis. Jedes Mal, wenn ein neues (Zwischen-)Ergebnis vorliegt, ist das in der Regel mit sehr vielen Informationen beladen und jede Session hat ihren eigenen Kontext. Meine Arbeit bringt es auch mit sich, dass die Kontexte der verschiedenen Sessions inhaltlich sehr unterschiedlich sein können. Meistens sind die Sessions viel schneller bereit und verlangen nach Aufmerksamkeit, als ich liefern kann. Das deckt sich auch mit den Ergebnissen der Anthropic-Studie, dass 80 % der Zeit mit dem Warten auf Feedback des Menschen verbracht wird. Ich möchte nicht leugnen, dass manchmal so etwas wie eine Stress-Situation entsteht, wenn ich merke, dass ich nicht mehr nachkomme mit dem Lesen und Beurteilen der Sessionergebnisse, weil ich weiss, dass es ohne meine weiteren Anweisungen nicht weitergeht.
Dieser permanente Wechsel des Kontextes von Session zu Session bei der gleichzeitigen Anforderung der höchsten Konzentration auf dichte Inhalte und neues Wissen, das es zu verstehen und zu beurteilen gilt, sowie der damit verbundene Aspekt des Entscheidenmüssens, ist enorm anstrengend und meines Erachtens mit keiner anderen Situation der Wissensarbeit vergleichbar.
Ich versuche mir nach 25 Minuten jeweils eine kurze und nach zwei Stunden eine längere Pause vom Bildschirm und von Entscheidungen zu verordnen und ich denke, wir werden uns sehr stark damit auseinandersetzen müssen, wie eine solche Arbeitsweise stattfinden kann, ohne die Gesundheit zu schädigen. Das Erstaunliche ist eben auch, dass mir diese Art zu arbeiten unglaublich Spass macht.