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Lieber Reto Burrell: Dein Problem sind kaum illegale Downloads

Lieber Reto Burrell

Du kannst singen und Songs schreiben, keine Frage. Doch dummerweise, oder glücklicherweise – je nach Standpunkt, können das zehntausende Andere auf dieser Welt auch. Es gibt so unglaublich viel gute Musik. Noch nie in ihrer Geschichte war die Popwelt so vielfältig bevölkert, wenn auch manchmal von etwas einfältigen Einheiten. Noch nie gab es so viele Menschen, die mit und von der Musik ihren Lebensunterhalt bestreiten konnten. Noch nie war es für so viele Talente möglich unter derart tiefen Kosten gute Aufnahmen zu produzieren, und diese unter die Leute zu bringen. Das schafft natürlich Konkurrenz.

Dein Problem sind darum kaum illegale Downloads, sondern Deine unzähligen Mitbewerber im Kampf um die knappe Zeit und Aufmerksamkeit der Musikkonsumierenden. Ja, ich denke Du solltest Dich sogar darüber freuen, wenn es Dein neues Album irgendwo in den dunklen Stellen des Netzes zum Download gäbe. Das würde nämlich bedeuten, dass es viele Musikfans gibt, die Deine Musik haben wollen. Sag uns doch einmal, wieviel Geld Dir gemäss Deinen Vorstellungen oder Berechnungen durch sogenannte illegale Downloads entgeht und wie Du diese Zahl berechnest.

Du bist Unternehmer, sagst Du. Das finde ich super, doch Unternehmer jammern nicht

Das Kopieren gehört zum Internert, der Link zum World Wide Web, wie die Schiene zur Eisenbahn. Du kriegst das eine nicht ohne das andere. Es ist an der Zeit, dass Ihr, Du und Deine musikschaffenden Kollegen, das akzeptiert. Ihr könnt nicht von den Vorteilen der Mechanismen des Netzes profitieren und gleichzeitig die andere Seite der Medaille zum Verschwinden bringen. Ihr würdet damit das ganze System zerstören. Darum wehren sich so viele derart vehement dagegen.

Es gibt doch kein Recht auf ein bestimmtes Geschäftsmodell. Klar kannst Du entscheiden, welches Modell Du fahren willst. Aber wenn es keine Kunden mehr dafür gibt, weil der Markt so gesättigt ist, dann kannst Du als Unternehmer doch nicht hinstehen und quengeln. Erlaube mir, hier noch einen Buchtipp für Dich zu platzieren: Who moved my Cheese.

Auch das Recht darauf, einen bestimmten Beruf ausüben zu können und davon zu leben, gibt es meines Wissens nicht. In jeder Branche gibt es fortwährend Strukturwandel. Eine Branche wächst, wird wieder kleiner, es werden neue Werkzeuge entwickelt, die Produktivität gesteigert, neue Absatzwege gefunden, neue Distributionsketten aufgebaut, immer gibt es Gewinner und Verlierer, neue Arten der Arbeitsverrichtung lösen andere ab. Deine Branche ist stark betroffen, dass sehe ich schon. Aber im Gegensatz zu den Landwirten wurdet Ihr Musiker in den letzten 15 Jahren, seit das Internet seinen Siegeszug angetreten hat, nicht immer weniger, sondern immer mehr. Hier einen Untergang des Kulturschaffens an die Wand zu malen, ist schon fast unverfroren.

Dein Produkt ist Deine Musik. Die kannst Du auch verkaufen, wenn Du das Bundling und die Services etwas kreativ angehst, auf verschiedene Absatzkanäle setzt und damit lebst, dass Du auch mal Dinge quersubventionieren musst, wie das fast in jedem Geschäft der Fall ist. Das Netz wird Dir dabei helfen, wenn Du es umarmst statt bekämpfst. In diesem Sinne wünsche ich Dir viel Erfolg mit Deiner Musik und mir ein baldiges Ende Deines unproduktiven Kampfes gegen die vernetzte Welt. 

Ein Musikfan

PS: Ich habe übrigens Dein neues Album im iTunes Store gekauft, weil es mir gefällt. Hätte das aber lieber auf Deiner Bandcamp Website gemacht, denn da fliesst am meisten Margin zu Dir zurück. Und etwas ärgerlich ist ja schon, dass wir in der Schweiz 1.60 CHF für einen Song bezahlen müssen, während Du von Deinen US-Fans nur 0.99 Cents, also gut die Hälfte verlangst. Aber das ist ein anderes Thema.

PPS: Jetzt ist aus diesem Blogpost noch einer dieser inflationären offenen Briefe geworden. Entschuldigt bitte, hat einfach irgendwie gepasst.

 

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