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Das dezentrale Web im Kampf gegen Zentralisierung

Das Internet ist ja für viele das Beispiel für ein dezentrales Netzwerk. Man kann das mit guten Gründen in Frage stellen (siehe unten), doch vor allem die darüberliegende Schicht, das World Wide Web, konnte sich nicht zuletzt dank seiner nicht-hierarchischen Struktur in solch kurzer Zeit so schnell verbreiten und die gesellschaftlichen Umwälzungen anstossen, deren Zeugen, Betroffene und Akteure wir sein dürfen.

Seit einiger Zeit lassen sich aber verschiedene Entwicklungen beobachten, die dieser dezentralen Organisationsform entgegenwirken. Facebook vereinigt einen grossen Teil der aktiven Netzbevölkerung auf seiner Platform. Apple scheint das Ziel zu verfolgen, die Netzinhalte für Mobile Geräte über ihre zentralen Strukturen zu schleusen. Der weitaus grösste Teil der Online Videos wird auf YouTube gehostet, die Fotos auf Flickr usw. Auch Cloud Computing bedeutet, zumindest auf der Infrastrukturebene vor allem eines: Zentralisierung.

Das ist in der Tat problematisch und die verschiedenen kritischen Beobachter dieser Entwicklung haben recht, wenn Sie immer wieder darauf hinweisen. Wenn Facebook einfach mir nichts, dir nichts, eine Page eines WikiLeaks Fanclubs mit immerhin 30’000 Fans löscht, oder wenn YouTube kurzerhand Accounts sperrt, sobald die Musikindustrie sich auch nur ein bisschen (auf-)regt, oder wenn Apple Apps einfach darum nicht zulässt, weil sie ihnen inhaltlich nicht passen, dann ist das wirklich ein Problem.

Die Giganten des Internets sind die neuen Gatekeeper. Ein anonymer Mitarbeiter eines anonymen Grosskonzerns entscheidet irgendwo zwischen Kaffe und Pizza, ob ein bestimmter Inhalt ins Netz darf oder nicht. Man könnte ja dagegen halten, dass es ja nicht ein Weltuntergang sei, wenn Sebi’s Youtube Account gelöscht wurde. Mag sein. Aber stellen wir uns einmal vor, einem kleinen Internet Startup, dass seine Server irgendwo in der Cloud Betreibt wird durch den Cloud Anbieter einfach der Account gesperrt. In solchen Fällen würde es nicht mehr um Kleinigkeiten sondern um Existenzen gehen.

Noch sind wir allerdings nicht soweit. Die Zensureingriffe der neuen Internetkonzerne beschränkt sich noch auf die, die am Rande des Mainstreams aktiv sind und sich meistens schlecht wehren können und sie richtet sich selten gegen die, die für Leistungen bezahlen. Facebook kann jederzeit Pages und Accounts löschen, weil wir als Gratisbezüger auch nichts zu verlangen haben. Amazon wird derzeit kaum einfach zahlenden Kunden den Serverhahn zudrehen.

Ihr wisst, dass ich seit Jahren ein aktiver Verfechter des Cloud Computings und damit auch der Zentralisierung der Infrastruktur im Netz bin, ich nutze Facebook, YouTube, Flickr, habe ein iPad und trotzdem beobachte und kommentiere ich diese Entwicklung kritisch. Wie kann das zusammengehen?

Das World Wide Web ist dezentral, dieses Organisationsprinzip liegt quasi in der DNA des Netzwerkes. Ein zentrales Web ist eben kein Web mehr. CompuServe & AOL hatten gegenüber dem World Wide Web keine Chance, weil das dezentrale unkontrollierte Web sich viel schneller entwickeln konnte als die Gatekeeper orientierten alten Online Dienste. Ich musste noch nach München reisen und diverse Vertragsverhandlungen führen um Anfang der 90er Jahre ein einfaches Forum auf CompuServe eröffnen zu können. Im Web richte in in 2 Minuten eine neue Website ein, ohne jemanden Fragen zu müssen.

Wir müssen die Zentralisierungstendenzen erstens auf verschiedenen Ebenen und von Fall zu Fall analysieren und wir dürfen auf die Kraft des Netzwerkes hoffen, die jegliches „Zuviel“ an zentraler Gewalt mit der Zeit durch dezentrale Angebote ausbootet. Das heisst natürlich nicht, dass wir einfach da sitzen und Däumchen drehen dürfen, in der Hoffnung, dass alles schon gut kommt. Es gibt schon Handlungsbedarf, das Netz sind wir, doch dazu komme ich am Schluss des Artikels.

Facebook hat die Wikileaks Page gelöscht und Facebook wird wohl in Zukunft noch öfter Pages und Accounts löschen. Facebook ist zutiefst zentralistisch, auch wenn es sich eigentlich um eine Social Media Platform handelt. Facebook hat zwar eine API und bietet die Möglichkeit ihre App Platform zu nutzen, aber die Möglichkeiten für Dritte gehen immer nur gerade soweit, wie es der Druck des Netzes erforderlich gemacht hat. Ich habe nicht den Eindruck, dass Mark Zuckerberg und sein Managemement mit „Offenheit“ wirklich viel anfangen können. Das Geschäftsmodell von Facebook basiert auf Kontrolle und Geschlossenheit des Systems. Das ist der Grund warum Facebook in dieser Form letztendlich nicht überleben wird. Warum ist Facebook aber mit diesem zentralen Ansatz so erfolgreich? Nun, Facebook hat eine weitere Schicht ins Netz gelegt, die vorher noch nicht realisiert wurde. Die Schicht der Identität. Für diese Identätsschicht gibt es noch keinen allgemein anerkannten und offenen Standard, obwohl schon seit langem an verschiedenen Stellen daran gearbeitet wird. Das zunehmend unrühmliche Gebahren von Facebook, die zunehmende Stärke und Macht der Platform wird aber unweigerlich dazu führen, dass sich ein solcher offener Standard für Identitäten und deren Vernetzung etablieren wird. Das Netz ist schon von zu vielen Akteuren bevölkert, als das hier noch jemand einfach die Beherrschung eines solch wichtigen Teils des Netzes übernehmen könnte.

Dasselbe Bild zeichnet sich ab bei Apple. Der AppStore ist zentralistisch und auch Steve Jobs und seine Manschaft will wohl nicht viel von „Offenheit“ wissen. Doch Apple hat mit dem iPhone und nun mit dem iPad gezeigt, was möglich ist, wenn es um Mobile Internet Devices geht. Die anderen Akteure schlafen nicht, und je mehr Apple sich einen Ruf des prüden amerikanischen Zensors einhandelt, desto bessere Chancen werden andere Anbieter wie Google mit ihren Alternativ-Produkten haben. Auch Apple wird die Welt der Inhalte nicht beherrschen können.

Ich finde die Innovationen von Facebook und von Apple sind durchaus sinnvoll und nützlich. Diese sollten darum kopiert und offen umgesetzt werden, wenn sich die ursprünglichen Anbieter als Gatekeeper und Vormundschaftsbehörde aufführen wollen.

Anders stellt sich das Bild auf der Infrastrukturebene, also dem Cloud Computing dar. Hier werden wir die zunehmende Zentralisierung wohl noch für längere Zeit akzeptieren müssen. Es macht einfach etwas aus, ob ein Anbieter 100’000 Server pro Jahr oder nur 1000 in Betrieb nimmt und es ist technisch und organisatorisch viel komplizierter die Rechnerleistung über das Netz zu verteilen, obwohl theoretisch durchaus möglich und einige Fällen z.B. durch das P2P Konzept auch umgesetzt. Ich kann mir allerdings auch hier vorstellen, dass es nach einer gewissen Zeit und wenn die Technik dafür reifer ist, eine Umkehr richtung dezentraler Organisation gehen wird, ähnlich wie sich solche Tendenzen derzeit in der Stromproduktion abzeichnen. Aber im Moment bleibt es wie gesagt wohl beim weiteren schnellen Wachstum der grossen Infrastructure und Platform as a Service Anbieter.

Das ist aber in der derzeitigen Phase des Aufbaus des weltweiten Netzwerkes gar nicht schlecht, denn dies führt dazu, dass es auf der inhaltlichen Ebene zu viel mehr Wettbewerb der Ideen kommt, weil es durch extrem tiefe Kosten für die Nutzung der Infrastruktur noch mehr Menschen möglich ist, ihrer Kreativität und Innovationskraft freien Lauf zu lassen. Dank Cloud Computing können Entwickler heute ohne Vorinvestitionen in Hardware und Betrieb ihre Produkte weltweit im Internet anbieten und betreiben.

Wie oben erwähnt gäbe es allerdings schon politischen Handlungsbedarf.

Solange wir nämlich politisch mit zentralistischen Antworten aufwarten, stärken wir auch die zentralistischen Organisationen. Wenn wir also zum Beispiel den Platformanbieter für die Inhalte, die seine Nutzer uploaden verantwortlich machen, ist das eine zentralistische Antwort auf ein dezentrales Problem. Diese Antwort führt dann genau dazu, dass der Platform Anbieter von sich aus und vorsorglich Zensur übt.

Es wäre darum erstens wichtig, dass das Menschenrecht der Meinungsäusserungsfreiheit auch im Internet durchgesetzt wird. Das bedeutet, dass die Infrastrukturanbieter auf allen Ebenen dazu verpflichtet werden müssen, sich gegenüber Inhalten neutral zu verhalten. Die Provider dürfen keine Inhalte bevorzugen bzw. einschränken. Aber auch Platformen wie YouTube, Facebook, Flickr, usw. dürften keine Inhalte und Accounts löschen ohne gerichtlichen Beschluss. Dazu müsste aber auch klar sein, dass sie für die Inhalte ihrer Nutzer nicht verantwortlich zu machen sind. Es muss Netzneutralität im weitesten Sinne des Wortes gelten, nicht nur in den Drähten sondern auch in den Servern.

Und zweitens muss der Zugang zu den eigenen Daten gewährleistet werden. Wir müssen das Recht haben jederzeit alle Daten, die von und über uns in irgendwelchen Systemen gespeichert sind, einzusehen, zu exportieren und zu löschen. Platform Anbieter müssten dazu verpflichtet werden, den Export und die Löschung der eigenen Daten ohne Kostenfolge jederzeit zu ermöglichen. Unternehmen, die personalisierte Daten sammeln ohne dass die betroffenen Personen etwas dazu beigetragen hätten, müssten dazu verpflichtet werden, den betroffenen Personen regelmässig einen „Datenauszug“ zuzustellen, damit diese die über sie gespeicherten Daten zur Kenntnis nehmen und deren Löschung oder Änderung beauftragen können. Auch hier, ohne Kostenfolge für die Betroffenen.

Diese beiden politischen Massnahmen würden den Wettbewerb der Ideen fördern und noch besser dafür sorgen, dass sich einerseits kein Platform Anbieter zum Zensor aufschwingen kann und andererseits, dass keiner zu lange einen Markt beherrscht. Es würden zwar weiterhin Zentralisierungstendenzen insbesondere bei neuen Ideen beobachtbar sein, doch die Netzneutralität und die „Freiheit der Daten“ würde die Geschwindigkeit der Gegenbewegungen erhöhen, wenn sie denn nötig wäre. Ein Facebook dass nicht zensieren darf, wäre ja auch viel weniger ein Problem. Ein Facebook, dass mich die Daten exportieren lassen muss, würde viel eher damit rechnen müssen, dass ich eine Alternative finde und zu dieser auch wechseln würde.

Natürlich ist mir klar, dass solche Regulierungen in weiter Ferne liegen, ich bin trotzdem zuversichtlich, dass wir nicht ins AOL oder CompuServe Zeitalter zurückfallen werden, dafür sind die Kräfte die im dezentralen Netz liegen zu stark.

Das offene Web gewinnt, die Frage ist nur, wie lange es dauern wird.

PS: Bin soeben noch über diesen passenden Post auf Carta zu einem offenbar spannenden Vortrag an der re:publica2010, den ich leider verpasst habe, gestolpert: Das Internet ist dezentral. Und andere gefährliche Mythen von Sebastian Deterding

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One Response to Das dezentrale Web im Kampf gegen Zentralisierung

  1. Harald 25. April 2010 at 20:47 #

    Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass mit deinen Vorschlgen der Zentralisierung ernsthaft entgegengewirkt werden kann, finde ich sie grtenteils gut.

    Ich denke, dass die Zentralisierung in Form von Facebook und dem Google-Universum fr die meisten Nutzer erst einmal Vorteile bringt. Es muss erst eine kritische Gre erreicht werden, um international agieren zu knnen, um ausreichen Kapazitten bereitzustellen, um Innovativ genug zu sein. Und keiner redet ber die kleinen Foren, keiner erfhrt, welche Geschfte dort mit Nutzerdaten gemacht werden. Die groen stehen unter Beobachtung, was zumindest subjektiv ein gewisses Gefhl der Sicherheit erzeugt.

    Dazu kommt die gewohnte Umgebung, der Nutzer fhlt sich "Zuhause", geht aber in der Masse unter.

    Interessant fnde ich da eher eine abgetrennte Selbstverwaltung der Benutzer-Metadaten, umgesetzt mit klar definierten Schnittstellen und frei whlbar als Service eine Anbieters oder im Eigenbetrieb. Damit kann der Nutzer dezentral / zentral steuern, wem er seine Daten gibt oder sie vollstndig entfernen.

    Ein interessanter Ansatz ist Single Sign On (SSO, z.B. OpenID).

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